Mit besten Empfehlungen

Ich tue mich inzwischen sehr schwer damit, anderen Menschen Filme, Serien oder sogar Musik zu empfehlen. Gerade im Bereich der Kunst, und dazu zähle ich eben auch Filme und Serien, kommt es immer auf die Wirkung an, und die ist eben bei allen Menschen unterschiedlich.

Als ich hier im Ruinengarten den Medien-Bereich aufgebaut hatte, sah ich das noch etwas anders. Ich empfahl zum Beispiel den Film “Die Hütte – Ein Wochenende mit Gott”, den ich für absolut genial hielt, und das immer noch tue. Andererseits hatte ich das Glück oder Pech, das Buch nicht vorher gelesen zu haben. Verglichen mit einem Buch kann jeder Film nur Schrott sein, weil sich beim Lesen eines guten Buches im Kopf des Lesers Bilder aufbauen, denen kein Film gerecht werden kann, besonders weil es eben für jeden Leser andere Bilder sind.

Dazu kommt die Erinnerung, die Erfahrung und die Lebensumstände, unter denen jeder Leser oder Zuschauer ganz individuell seine Erfahrungen mit in das einbringt, was er liest oder sieht.

Schlimmer ist es sogar noch bei Musik. Ich bin zum Beispiel jemand, der die Musik der 80er liebt. Das liegt aber weniger an der Musik, sondern an den Erlebnissen, zu denen viele dieser Stücke den Hintergrundsound gebildet haben. Objektiv ist beispielsweise die Musik aus dem Film “Grease” eher schlecht, ich finde sie aber, weil ich den Film damals mit 12 Jahren gemeinsam mit meinem Onkel Willi im Kino gesehen habe, einfach nur toll. Wer erst nach 1980 geboren ist, der wird das niemals verstehen können.

Der Film “Die Hütte” kam bei der Kritik und bei der allgemeinen Öffentlichkeit eher schlecht an, aber ich finde ihn super, im Gegensatz zu einem Film wie Beispielsweise “La La Land”, der sogar einige Oscars bekommen hat, den ich aber furchtbar finde. Was sollte ich also empfehlen? Einen Film oder eine Serie, die ich toll finde, die meisten Leser und Besucher aber nicht, oder etwas, was allgemein gut ankommt, was ich aber für grottig halte? Ich weiß es nicht.

Wie bereits erwähnt, kommt es bei allem auf die eigene Stimmung und die eigenen Erfahrungen an, ob etwas ankommt oder nicht. Ich fand es bereits in der Schule furchtbar, wenn ein Buch, ein Bild oder ein Musikstück bis ins Kleinste zerlegt werden musste, um es zu analysieren. Wenn ich etwas analysiere, was eine Wirkung auf mich hat, dann ist das für mich wie ein Witz, den ich erklären musste. Nachher findet ihn niemand mehr lustig, und seine Wirkung verpufft.

In der Ruinengarten Musik sind kreuz und quer die Titel, die Rio oder mir (oder manchmal sogar uns beiden) ein wohliges Gefühl über den Rücken jagen, und das aus den unterschiedlichsten Gründen. Es ist ein Bereich, den wir einfach so auf die Seite gesetzt haben, weil bei uns beiden Musik immer etwas war, was uns auch einmal aus trüben Stimmungen heraus geholfen oder zum Nachdenken und Träumen gebracht hat. Wir wissen beide, dass das ganz persönlich für uns ist, aber vielleicht findet der eine oder andere von Euch darunter ein paar Lieder, bei denen auch er oder sie ins Träumen kommt.

Uns würde das freuen.

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Ein wunderschöner Gedanke

Was ist das, die Seele? Und was ist Leben? Manchmal mache ich mir philosophische Gedanken, besonders wenn das Wetter trüb und grau ist.

Ich möchte hier nicht wieder über Religion schreiben. Es geht einfach darum, was ich mir vorstellen kann. Ich weiß nicht, ob diejenigen, die an den einen oder anderen Gott glauben, nicht doch Recht haben, aber inzwischen ist die Zahl der Götter, an die Menschen glauben oder geglaubt haben, in die Tausende gestiegen.

Es ist die Angst, die jeder von uns hat. Es ist nicht die Angst vor dem Tod, auch weniger die Angst vor dem Sterben. Es ist die Angst, Abschied nehmen zu müssen. Abschied von allen und allem, was man geliebt hat, oder für die Hinterbliebenen die Angst, diesen Menschen zu verlieren. Und diese Angst ist berechtigt.

Ich glaube, dass es so etwas wie die Seele gibt. Die Wissenschaft hat in den vergangenen Jahrzehnten unglaubliche Fortschritte gemacht, aber eines haben die Wissenschaftler bisher nicht geschafft, und sie werden es auch nie schaffen: Leben zu erschaffen. Das Leben steckt in lebenden Zellen, es ernährt sich von lebenden Zellen und kann nicht in tote Dinge gepflanzt werden.

Ja, man kann Tiere, Pflanzen und auch Menschen klonen, aber dazu braucht es immer mindestens eine lebende Zelle. Sei es eine Eizelle, eine Samenzelle oder einfach eine Körperzelle, aber immer wird Leben genommen und einfach vergrößert. Etwas, was sich nicht von sich aus teilt und vermehrt, wird auch niemals leben können.

Vielleicht ist dieses Leben genau das, was die Wissenschaft hartnäckig untersucht aber niemals begreifen wird. Das, was man als “Dunkle Energie” bezeichnet. Dunkel bedeutet hier nicht, dass diese Energie schlecht ist oder böse, es bedeutet einfach, dass niemand erklären kann, was diese Energie ist, obwohl die Wissenschaft genau weiß, dass es sie gibt. Ohne diese Energie würde das Universum nicht funktionieren, es würde in sich zusammenfallen oder einfach in alle Richtungen verstreut.

Ich glaube aber auch, dass unsere ganzen Erfahrungen, unser Wissen, unsere “Individualität”, an unseren Körper gebunden sind. Anders wären auch Krankheiten wie Alzheimer oder Demenz nicht erklärbar, bei denen Menschen all das vergessen, was ihnen passiert ist oder was sie (kennen-)gelernt haben. Vielleicht werden wir nach unserem Tod wieder ein Teil dieser Energie, bis wir einen neuen Körper erobern, in dem wir neue Erfahrungen machen. Vielleicht sind und bleiben wir aber auch immer ein Teil davon.

Das würde aber nicht bedeuten, dass wir uns in diesem Leben nicht mehr bemühen müssen, gut zu sein. Im Gegenteil, wir könnten uns freuen, jetzt zu dieser Minute in diesem Körper zu sein und müssten uns das Ziel setzen, alles um uns herum als Teil einer gesamten und komplexen Energie zu achten und zu schützen. Es würde bedeuten, das wir im Grunde keine Individuen mehr sind, sondern dass wir alles, was wir anderen und der Natur antun, im Grunde uns selbst antun. Jeder Mensch, jeder Baum, jede Pflanze und jedes Tier wäre ein Teil von uns, so wir wir ein Teil von ihm sind, und wir alle wären die Teile eines Ganzen. Das ist eine wunderschöne Vorstellung.

Wenn ich daran denke, woraus mein Körper besteht, dann gibt es hier nichts, was nicht vor Milliarden von Jahren bereits da war und auch in Milliarden von Jahren noch da sein wird. Es ist hier auch nichts, was man nicht in toter Form in der Drogerie, der Apotheke oder im Baumarkt bekommen könnte. Dass dieser Haufen Atome hier Zellen bilden kann, sich zu einem Menschen zusammenfügt und sich hier hinsetzen und Gedanken über das Leben machen kann, ist mehr als ein Wunder. Und dass ich das kann, dass ein Baum wachsen kann, dass eine Blume blühen kann oder dass ein Hund rennen kann, das alles erfordert so viel Energie, von der kein Wissenschaftler sagen kann, woher sie kommt.

Es bedeutet aber auch, dass ich immer mit Lucas vereint sein werde, jetzt und auch in Milliarden von Jahren. Und dass ich es immer war.

Ein wunderschöner Gedanke.

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Schicksal, Karma, Glück und Zufall

Was ist das, dieses Schicksal? Ist uns alles vorbestimmt, oder ist alles, was uns passiert, nur Zufall und Glück oder Unglück? Warum kommen manche Menschen gut im Leben klar, während andere sich schwertun?

Es gibt eine Menge Menschen, die an das Schicksal glauben. Schicksal scheint etwas zu sein, was uns vorbestimmt ist, und gegen das wir uns nicht wehren können.

Ich liebe die Scheibenwelt-Romane von Terry Pratchett. Eine der Figuren in diesen Romanen ist der Tod, der in seinem Arbeitszimmer eine riesige Anzahl an Sanduhren besitzt, die anzeigen, wie viel Zeit jeder einzelne Mensch auf der Scheibenwelt noch zu leben hat. Diese Vorstellung ist für mich gruselig, weil sie nichts anderes bedeuten würde, als dass wir, egal, was wir tun, zu einer bestimmten Zeit sterben müssen.

Aber, wie erwähnt, das sind Romane, also reine Fantasie, obwohl viele Menschen daran glauben. Es ist der Glaube, dass es tief im Inneren eine Ordnung geben muss, etwas, was wir weder wissen noch kennen, das aber vielen Leuten hilft, ihren Lebensweg zu rechtfertigen.

Aber betrachten wir das einmal etwas genauer. Ein vorbestimmtes Schicksal und ein festgelegter Lebensweg würden bedeuten, dass kein Mörder mehr verurteilt werden müsste, weil es dem Opfer ja vorbestimmt war, zu einer bestimmten Zeit zu sterben. Es würde bedeuten, dass dieser Mensch auch zu genau dieser Zeit gestorben wäre, wäre er nicht ermordet worden. Der einzige Grund für eine Verurteilung des Mörders wäre dann, dass es das Schicksal des Mörders ist, verurteilt zu werden.

Der Glaube an ein vorbestimmtes Schicksal nimmt uns vieles aus der Hand. Wenn es das Schicksal eines Menschen wäre, reich und berühmt zu werden, dann bräuchte er sich nicht anzustrengen, um genau das zu erreichen. Wenn es das Schicksal eines Menschen wäre, 100 Jahre alt zu werden, dann könnte er mit verbundenen Augen über eine vielbefahrene Autobahn marschieren, und es würde ihm nichts geschehen.

Natürlich kenne ich die Argumente der Schicksals-Gläubigen, dass niemand, dessen Schicksal es ist, lange zu leben, überhaupt auf die Idee käme, sich vorher das Leben zu nehmen, weil angeblich niemand gegen sein Schicksal leben kann. Aber das ist das Motto “Hinterher hat man es immer vorher gewusst.”. Egal, was passiert, hinterher kann man immer behaupten, dass es Schicksal war.

Ich glaube nicht an Schicksal. Aber ich glaube an Karma. Das meine ich nicht im esoterischen Sinn, aber ich glaube, dass vieles mit der inneren Einstellung zu tun hat. Ich habe selten bis nie Bewerbungen geschrieben, aber ich habe oft Bewerbungsgespräche mitgemacht. Dabei sind immer die Gespräche am besten gelaufen, in denen es mir nicht wichtig war, ob ich den Job bekomme oder nicht. Das lag an meiner Ausstrahlung zu dieser Zeit, die offen zeigte, dass ich nicht Bittsteller war sondern in gewissem Sinn Kunde.

Wenn jemand zum Beispiel unbedingt einen Partner sucht, dann wird er es schwer haben. Er wird durch seine Körpersprache und seine Ausstrahlung fast schon automatisch signalisieren, dass er auf der Suche ist. Und genau das schreckt potentielle Partner ab, weil Menschen geliebt werden wollen für das, was sie sind, und nicht dafür, dass sie gerade zufällig an einem bestimmten Ort sind. Das ist genau wie bei einem Arbeitgeber, der einen selbstsicheren Menschen bevorzugen wird statt einem, der um eine Anstellung bettelt.

Die innere Einstellung hat sogar viel größere Auswirkungen. Ich bin sicher, wenn jemand ständig erwartet, ausgenutzt zu werden, dann wird er ausgenutzt werden. Es gibt Bücher wie “The Secret – Das Geheimnis”, die versuchen, mit “spirituellen” Mitteln das zu belegen, was eigentlich sonnenklar sein sollte. Wer immer das Haar in der Suppe sucht, der wird es vielleicht nicht finden, aber er wird auch bei einer “haarlosen” Suppe nie in der Lage sein, sie zu genießen.

Vor vielen Jahren war ich einmal mit einer Frau zusammen, die vorher einen Freund hatte, der sie geschlagen hat. Es war Wahnsinn, zu erleben, wie misstrauisch diese Frau war und wie sie auf die kleinsten Zeichen bei mir geachtet hat, obwohl ich nie auf die Idee gekommen wäre, ihr etwas zu tun. Genau daran ist auch nach kurzer Zeit diese Beziehung zerbrochen, und sie hatte wieder einen Grund, auf Männer sauer zu sein.

Wenn wir erwarten, dass etwas Böses geschieht, dann wird in der Regel auch etwas Böses geschehen. Das ist kein Schicksal, sondern reine Logik. Wenn ich am Rhein stehe, dann kann ich die Enten und Gänse beobachten, mir die schönen Schiffe anschauen, mir den Wind um die Nase wehen lassen und eine tolle Zeit haben. Ich kann mir aber auch den Müll anschauen, der überall herumliegt und nach toten Fischen suchen. Dann wird meine Zeit am Rhein wohl nicht besonders schön sein.

Ich habe Lucas dafür bewundert, dass er wunderschön zeichnen konnte. Ich persönlich zeichne nicht so schön, aber dafür kenne ich mich in technischen Dingen gut aus, was Lucas nicht konnte (es sei denn, es interessierte ihn wirklich). Also habe ich alles Technische gemacht und ihm geholfen, wenn sein Notebook mal wieder gesponnen hat. Hätte ich ihn dafür kritisieren sollen, dass er das nicht selbst konnte? Wie bescheuert wäre ich dann gewesen?

Das ist es, was viele Menschen leider mit ihrem Leben machen. Sie sehen alles, was nicht gut gelaufen ist, und nehmen das Gute als selbstverständlich und nicht beachtenswert hin. Und wenn sich jemand nur auf das Schlechte konzentriert, dann wird es schlechter werden. Pseudo-esoterische Bücher bezeichnen so etwas als “geistigen Magnetismus” oder “das Geheimnis des Universums”, ich bezeichne so etwas als “die Suche nach Scheiße”.

Ja, Scheiße passiert, und Lucas und mir ist sehr viel Scheiße passiert. Ich kann heute nicht sagen, woran es lag, dass Lucas Krebs bekommen hat. Es wäre sicher schöner, jemandem oder etwas die Schuld geben zu können, und sei es nur das Schicksal. Aber es war nicht das Schicksal, es war der Zufall. Zufällig bildete sich im Kopf meines Sohnes eine Arschloch-Zelle, die vom Körper nicht als solche erkannt und vernichtet wurde. Die konnte sich teilen und meinen Sohn umbringen.

Ich glaube nicht, dass genau das in irgendeiner geheimen Bibliothek auf einem Palmblatt stand oder dass im Arbeitszimmer des Todes eine Sanduhr mit Verstopfung stand. Ich glaube auch nicht, dass Lucas in irgendeiner Weise das Unglück auf sich gezogen hat. Es gibt grausame Zufälle. Ich glaube auch nicht, dass mit dem Tod alles vorbei ist, aber das hat für mich nichts mit einem Gott oder mit Engeln zu tun.

Aber genau das, das Fehlen eines Schicksals, lässt mich hoffen. Es lässt mich hoffen, dass jeder Mensch seinen Lebensweg selbst in der Hand hat. Ja, es gibt Zufälle und Unfälle, es gibt Mörder und Idioten, aber wir werden lernen müssen, damit zu leben. Jeder hat sein Schicksal selbst in der Hand, und niemand kann nachher diesem Schicksal die Schuld für die eigenen Unzulänglichkeiten, für Glück oder Unglück geben. Es ist zu einfach, eine höhere Macht für die eigenen Fehler verantwortlich zu machen. Wir alle machen Fehler, und das ist gut so. Wir machen Fehler, um aus den Fehlern zu lernen. Und der erste Fehler ist, immer und überall das Schlechte zu sehen.

Um Glück zu haben und glücklich zu werden, müssen wir unserem Leben auch die Chance dazu geben. Wer nur in seinem Zimmerchen hockt und die Wände anbetet, der wird es schwer haben, seinen Traumpartner zu finden oder Erfolg im Leben zu haben. Glück erfordert Chancen, und Chancen erfordern Aktion. Leider ist es mit dem Unglück genauso, aber gibt es etwas unglücklicheres, als ein verschwendetes und einsames Leben?

Wir können uns ändern. Ich kann mich ändern, jeden Tag und in jede Minute. Immer dann, wenn mir auffällt, dass ich Fehler mache, kann ich daran arbeiten, diese Fehler nicht erneut zu machen. Die innere Einstellung ist nicht leicht zu ändern, denn das kostet eine Menge Kraft, aber es geht. Das geht aber nur, wenn ich die inneren Schubladen einfach einmal eine nach der anderen aufziehe und entrümpele. Das geht, wenn ich alles, was ich zu “wissen” meinte, einmal auf den Prüfstand stelle, um zu erkennen, ob das stimmt, an was ich bisher glaubte. Genau das geht nur dann, wenn ich Erfahrungen mache. Und die mache ich selten da, wo nichts passiert.

Trotzdem lese ich immer noch wahnsinnig gern die Scheibenwelt-Romane.

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Die Sache mit dem Internet

Selten wurde ein Thema, besonders zwischen den Generationen, so kontrovers diskutiert wie das Internet und das Smartphone. Auch ich habe das in der letzten Podcast Folge (Folge 7) getan.

Auch wenn es sich vielleicht so angehört haben mag, habe ich nichts gegen das Internet und auch nichts gegen Smartphones. Es geht mir auch nicht darum, zurück in die 80er Jahre zu wollen, im Gegenteil.

Die 80er Jahre, in denen es nicht einmal Handys gab, mögen im Rückblick romantisch erscheinen, aber sie waren es nicht. Sie waren laut, dreckig und die Ellenbogen-Gesellschaft war auf ihrem Höhepunkt, in den Unternehmen und sogar in den Schulen. Die Kriminalitätsrate und die Zahl der Gewaltverbrechen und Körperverletzungen waren damals, auch ohne Flüchtlingswelle, drastisch höher als heute. Der Rhein stank, wie viele andere Flüsse, kilometerweit gegen den Wind, und bei einem Sprung in die Erft, in der heute an jedem sonnigen und warmen Tag Kinder und Jugendliche baden, war damals eine Garantie für Pickel, Pusteln und Ausschläge.

Heute sind wir ein riesiges Stück weiter, das heißt, es geht uns heute viel besser. Das ist nicht zuletzt auch ein Verdienst des Internet, denn heute sind die Menschen besser informiert, und statt 3 oder 5 (staatlich reglementierten) Fernsehprogrammen gibt es heute Tausende davon plus unzähligen Internetseiten, so dass jeder grundsätzlich in der Lage ist, sich ein umfassendes Bild aktueller Situationen zu schaffen.

Wenn ich die Wahl habe, ob sich Jugendliche (und auch Erwachsene) in sozialen Netzen, von denen es auch unzählige gibt, zusammenfinden und virtuell austauschen oder sich, wie in den 80er Jahren, gegenseitig auf die Mütze hauen, bevorzuge ich ganz klar das erstere. Phänomene wie Burnout oder Mobbing sind kein neues Problem, sie werden nur heute mehr beachtet und haben einen Namen, genau wie es auch früher schon Menschen mit Laktose-Intoleranz oder Gluten-Unverträglichkeit gab, nur dass heute diesen Menschen aktiv geholfen wird. Auch das ist zum Teil ein Verdienst des Internet.

Im Podcast habe ich gesagt, dass es eine “virtuelle Welt” nicht gibt, und dazu stehe ich. Was im Internet passiert, ist ein Spiegel der Gesellschaft, die sich, befeuert durch die Netze, neu ausprobiert. Unterschwelligen Fremdenhass gab es immer und in jeder Nation, weil die Angst vor Fremden nicht nur erziehungsbedingt in nahezu jedem Menschen vorhanden ist. Wenn es eine Chance geben sollte, Ängste zu überwinden, dann liegt auch sie ganz klar im Internet und in den Medien. Und selbstverständlich wird genau dieses Netz auch genutzt, um Ängste zu schüren, und das von Gruppen und Menschen, die darin einen persönlichen Vorteil sehen. Es ist immer leichter, eine Angst zu bestätigen als sie zu überwinden.

Wenn mir jemand in mein Weltbild grätscht und mich zu ändern versucht, dann ist auch meine erste Reaktion die Abwehr. Zu groß ist die Gefahr, dass ich erkennen muss, dass mit mir und meiner Einstellung etwas nicht stimmt. Und so suche ich natürlich die Nähe der Menschen, die ähnliche Ansichten haben wie ich, weil ich so Bestätigung finde und mich nicht ändern muss. Die Angst vor fremden Dingen, Menschen und Situationen hat jahrtausendelang das Überleben der Menschheit gesichert.

Aber die Welt ist im Wandel, und es wird einen grundsätzlichen Umbruch geben müssen, wenn wir nicht wieder auf neue Kriege und Gewalt zusteuern wollen. Das Internet und das Smartphone sind Zeichen dieses Wandels, und sie sind Gefahr und Chance gleichzeitig. Die Gefahr liegt darin, sich und sein Leben in den Netzen zu verfangen und den Blick für das wahre Leben zu verlieren. Die Gefahr liegt auch darin, dass sich die “falschen” Menschen mit den “falschen” Einstellungen hier versammeln oder Opfer von Seelenfängern und vermeintlichen Heilsverkündern werden können. Das passiert, und die Resultate sind absurde Gruppen wie AfD, Scientology oder ISIS. Ja, ich sehe hier zwischen diesen Gruppen tatsächlich Parallelen, weil sie alle keine Lösungen bieten, sondern einfach nur zum eigenen Vorteil mit den Ängsten von Menschen spielen, indem sie sie bestätigen.

Eine große Gefahr für unsere Gesellschaft sehe ich darin nicht. Nicht nur der gesunde Menschenverstand, sondern auch die Erfahrungen, die unsere Nationen in den vergangenen hundert Jahren sammeln mussten, werden eine Wiederholung der Geschichte wohl verhindern. Wir leben in deiner Demokratie, bei der vielleicht nicht alles gut läuft, die aber für den überwiegenden Teil der Bevölkerung zu wertvoll ist, als dass sie wieder in totalitäre Strukturen zurückfallen möchten.

Grundsätzlich ist es auch gut, dass sich Menschen heute über Ländergrenzen hinweg austauschen können, denn das erweitert den eigenen Horizont. Wir haben heute die Möglichkeit, Nachrichten aus nahezu jedem Teil der Welt innerhalb von Sekunden aufzunehmen, was großartig ist. Was wir jetzt lernen müssen, ist das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen. Wir müssen lernen, mit allen Möglichkeiten, die wir besitzen, uns selbst zu produzieren, uns trotzdem zu fragen, was wir tun und was nicht.

Durch das Zusammenrücken der Welt fühlen sich viele Menschen inzwischen in einer Schleife der eigenen Bedeutungslosigkeit gefangen. Wir sehen andere, die nicht viel besser sind als wir selbst, die aber trotzdem den Erfolg haben, den wir uns für uns selbst wünschen. Dann wird zum Teil kopiert, was das Zeug hält, und wir merken, dass diese Kopie nicht den gleichen Erfolg hat wie das Original. Wie viele “Influencer”, wie viele “Let’s Player”, wie viele Blogger, wie viele Internetradios und wie viele Podcaster kann ein Netz vertragen?

Ich möchte mich hier nicht ausnehmen. Auch ich mache genau das, aber mit einem Unterschied. Natürlich freue ich mich über die Menge an Besuchern im Ruinengarten, ich freue mich über die Anrufer und ich freue mich auch über die positive Resonanz. Aber würde ich diese Seite, den Podcast, die Blogs und die Aktionen auch machen, wenn es niemanden interessieren würde? Ja, das würde ich, und zwar aus dem Grund, weil ich es für mich selbst machen muss. Nicht aus finanziellen, sondern aus persönlichen Gründen. Ich brauche keine Bestätigung von außen, sondern allein ein gutes Gefühl für mich selbst, ich will mich erkennen und ich will mich mögen. Genau dazu dient für mich der Ruinengarten mit all seinen Teilen.

Wenn ich jemanden interessant finde, möchte ich ihn kennen lernen. Und wenn ich im vergangenen halben Jahrhundert etwas gelernt habe, dann ist das, dass der Erfolg dann kommt, wenn ich etwas mit Begeisterung mache. Ich mache keinen Podcast, weil es gerade ein Trend ist, sondern deshalb, weil mir die Technik jetzt die Möglichkeit bietet, etwas zu tun, was noch vor ein paar Jahren in dieser Form nicht möglich gewesen wäre. Wenn ich einen Podcast einspreche, dann sehe ich dabei nicht die Zuhörer, die dieses Selbstgespräch einmal hören werden, sondern ich bin mit mir allein, ordne meine Gedanken und höre mir selbst zu. Wenn ich einen Blog-Beitrag wie diesen schreibe, dann schreibe ich ihn erst einmal für mich selbst. Meine eigene Bedeutung für mich selbst ziehe ich nicht aus der Zahl der Zuhörer, sondern aus jedem Puzzle-Teil, dass sich in mir zu den anderen fügt und das sich mit anderen Teilen zu einem Bild zusammenfügt.

So lerne ich, was an mir schön ist und woran ich arbeiten muss, damit es mir besser gefällt. Dieses “Produzieren statt Konsumieren” ist ein knüppelharter Prozess, aber er bringt mich weiter. Gute Bücher werden auch nicht dadurch geschrieben, dass eine Geschichte bezahlt wird, sondern dadurch, dass eine Geschichte einfach aus dem Kopf auf ein Blatt (oder in den Computer) muss. Diese Seite hilft mir in einem Bereich, der mit dem Internet nur beiläufig zu tun hat, nämlich im wahren Leben. Die Seite hilft mir beim Einkaufen, beim Lachen, beim Diskutieren, in meiner Beziehung zu anderen Menschen und sogar beim Schlafen. Für mich persönlich ist sie ein Werkzeug.

Und damit sind wir wieder beim Thema. Das Internet und das Smartphone sind nichts anderes als Werkzeuge. Sie sind wie ein Messer, mit dem ich Brot und Wurst schneiden oder schöne Dinge schnitzen kann. Das Internet hilft mir, mich zu informieren und meinen Horizont zu erweitern. Aber genau wie mit einem Messer kann ich auch mit dem Internet dumme oder sogar destruktive Dinge tun. Die Wahrheit liegt, wie immer, in der Mitte. Es ist nichts dagegen einzuwenden, mich für bestimmte Zeit in einem Chat oder einem Spiel zu verlieren, solange ich immer weiß, wo und wie ich mich wiederfinde und dass das, was ich da mache, nicht “die Welt” ist.

Ein paar Podcast-Folgen zu produzieren oder ein paar Texte zu schreiben, um Popularität zu gewinnen, ist Blödsinn. Sicher, es gibt so genannte Stars wie Luke Mockridge oder Jan Böhmermann, die auf ihren Erfolg jetzt noch einen Podcast draufgesetzt haben, aber ist es da nicht besser, etwas aus Leidenschaft zu tun, nur um für sich selbst zu erfahren, wie es ist, es einfach zu tun? Mir sind die Leute am sympathischsten, die nachher erstaunt sind, dass das, was sie da tun, Erfolg hatte.

Das Leben ist nicht auf den Monitoren und Displays, es ist auch nicht in Bits und Bytes ausdrückbar, es ist da draußen. Es ist toll, einen schönen Schmetterling zu sehen und sich dann im Internet schlau zu machen, welche Art das war und wie diese Tiere leben. Aber Blumen duften im Internet nicht, und der, der da gerade seine Linsensuppe mit dem Wort “Nice” ins Netz stellt, hat vielleicht andere Probleme, die nicht mit einem “Like” zu beheben sind. Genau das sollten wir nie vergessen. Eine echte Umarmung ist so viel schöner als ein Tanz vor der Webcam …


Einfach, weil ich es so interessant finde:

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Gedanken zu unserer Gesellschaft

Warum ist inzwischen die Welt zu einem Dorf geworden, der Weg zum Nachbarn aber scheinbar unüberbrückbar weit?

Seien wir ehrlich, das Internet und die sozialen Netzwerke haben die Welt verändert. Ich erinnere mich, dass ich in den 80er Jahren eine Brieffreundin aus Australien hatte. Ich weiß nicht mehr, wie es zu dieser Brieffreundschaft kam, aber ich erinnere mich, dass jeder Brief zwei Wochen gedauert hat, bis er ankam. Für mich war es toll, weil ich so mein Schul-Englisch verbessern konnte und etwas mitbekam vom anderen Ende der Welt.

Heute könnte ich mit so einer “Freundin” über das Internet quasi kostenlos telefonieren und jede Nachricht würde nur Sekunden brauchen. Auch mit Urlaubs-Bekanntschaften den Kontakt zu halten ist heute kein Problem mehr. Im Gegenteil, ich kann Menschen, denen ich noch nie im Leben begegnet bin, mein Mittagessen zeigen. “Hier, Linsensuppe, nice!” In den 80er Jahren wäre ich dafür wahrscheinlich im betreuten Wohnen gelandet.

Ich weiß heute schon nach Sekunden, was der Präsident der USA wieder von sich gegeben hat, ob Meghan Markle schwanger ist (und von wem) und ich kann live bei Darmspiegelungen irgendwelcher Pseudo-Prominenten dabei sein. Wenn der bedeutungslose Sänger einer ehemaligen Pop-Gruppe in Australien eine Made frisst, dann sehe ich das, und wenn er sich nachher übergibt, dann bin ich auch live dabei.

Dank Internet brauche ich auch keine Zeitungen mehr, weil in den Zeitungen sowieso nur das steht, was ich gestern im Netz schon gesehen habe. Ich brauche mir auch über das, was ich da sehe, keine Gedanken mehr zu machen, weil ich die passende Meinung auch sofort mitgeliefert bekomme. Die passende Meinung muss auch nicht unbedingt die richtige sein, sie muss nicht einmal durchdacht sein, sie muss einfach nur noch gesellschaftsfähig sein. Es muss die Meinung sein, auf der ich bei einer Party unter meinesgleichen nicht anecke und weiterhin was zu trinken bekomme, das reicht.

Das Dumme ist sowieso dieser zwischenmenschliche Kontakt. Die Musik der 80er war toll, aber was wir da sonst noch so getrieben haben, das war schlimm. Wir haben uns unterhalten und diskutiert … igitt. Ich musste nicht nur eine Meinung haben, sondern ich musste sie auch noch vertreten und, was viel schlimmer ist, begründen. Dann kam vielleicht jemand, der besser informiert war als ich, und ich saß mit meiner Meinung auf dem Trockenen. Blöd war das.

Heute sucht man sich ein Lager aus, egal, um was es geht, und weiß sofort, dass man auch genug Anhänger zusammenbekommt. Egal, ob es um Religion, Politik, Schulen, Schwule, Fleisch, Zigaretten, Asylbewerber oder Rentner geht, es gibt scheinbar nur noch Extreme, die nicht mehr miteinander reden, sondern höchstens noch übereinander. Und Diskussionen, sei es im Netz oder im Fernsehen, verkommen zu Schlachten, in denen es für jeden nur noch zwei Meinungen gibt: Die eigene und die falsche.

Jeder kann mit seiner Meinung Hunderte von Quellen nennen, in denen genau das erzählt wird, was er selbst wie ein behindertes Schaf lautstark nachblökt, und jeder hat Recht. Wir starren dabei stumpf auf unsere Smartphones, auf denen wir sowieso nur noch das installiert und abonniert haben, was unser kleines Weltbild nicht zerstört und unseren eigenen, engen Tellerrand nicht verlässt. Und zwischendurch gibt es Bilder von Linsensuppe. Nice!

Dass vielleicht nebenan jemand mit der Geschwindigkeit, mit der wir unsere Gesellschaft vor die Wand fahren, nicht mehr klarkommt, ist dabei egal. Dass für unser Schnitzel ein Schwein geschlachtet wurde, das wissen wir zwar, aber wenn im Fernsehen ein Schlachthof gezeigt wird, dann schalten wir ab. Dass jetzt beschlossen wurde, weiterhin Ferkel ohne Betäubung zu kastrieren, das interessiert uns nicht, weil schließlich Maaßen und Seehofer wieder dumme Sprüche geklopft haben, und das ist wichtiger. Es geht hier nicht um Pläne, um Visionen oder darum, wie wir gemeinsam glücklich leben möchten, es geht nur noch um Köpfe und Nasen. Glück und Freiheit sind, das wissen wir schließlich aus der Werbung, barrierefreie Handyverträge, ansonsten läuft man gegen eine Wand.

Früher wusste man noch, bei wem man sich am Sonntagabend ein Pfund Mehl leihen konnte, wenn man es brauchte. Heute gibt es teilweise nur noch 500 Freunde auf Facebook mit Fotos von Mehl und die nachtoffene Tanke um die Ecke. Heute gibt es Chat-Räume mit lauter Unbekannten, wo man nichts Schöneres tun kann als eine virtuelle Kanne Kaffee auf den virtuellen Chat-Tisch zu stellen und sich dann am dummen Gelaber über Gott, die Welt und die AfD zu beteiligen, bei dem jedem sofort klar wird, wer sich auf welche Seite geschlagen hat.

Nebenan wohnt vielleicht ein Kind, dessen Eltern keine Zeit mehr haben, mit ihm Federball zu spielen oder einen Drachen zu bauen und steigen zu lassen. Nebenan wohnt vielleicht ein Rentner, der gerade seine Frau verloren hat und der jetzt niemanden mehr zum Reden hat. Nebenan wohnt vielleicht auch ein Vater, der vor Kurzem seinen einzigen Sohn zu Grabe getragen hat und der jetzt verzweifelt ist. Ist das nicht wichtiger als die Flüchtlingsfrage, Donald Trump und die SPD zusammen?

Ich denke ja.

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Herbst, Winter, Weihnachten

Jetzt ist wohl endgültig Herbst. Der Herbst ist die Zeit, in der ich mich abends wieder in die Decke einmummeln und bei einer heißen Tasse Tee meine Lieblingsserien schauen kann – zumindest war das bis vor zwei Jahren so. Nichts ist wohl mehr so, wie es war.

Jetzt sitze ich zumeist abends am Telefon oder am PC und telefoniere mit Menschen, denen es nicht gut geht oder die mich darüber informieren, dass es anderen Menschen nicht gut geht. Das passiert auch, und damit hätte ich nicht gerechnet: Ich werde angerufen, weil sich andere nicht trauen, Betroffene in ihrer Nachbarschaft, ihrem Freundeskreis oder sogar in der eigenen Familie anzusprechen. Ich mache das gern, weil ich es mag, Menschen zu helfen, aber etwas seltsam finde ich es doch.

Dabei ist es eigentlich nicht schwer, zuzugeben, dass man selbst keine Worte findet. Aber statt zu sagen, dass man nicht weiß, was man sagen soll, sagen die meisten lieber nichts. Die Straßenseite zu wechseln, wenn man jemanden sieht, der seinen Partner oder sein Kind verloren hat, empfand ich bis vor einiger Zeit als seltsam. Heute weiß ich aus zahlreichen Gesprächen, es ist üblich. Es ist trauriger Alltag.

Wir gehen jetzt schon mit Riesenschritten auf das schlimmste Fest zu, das Menschen mit Trauer durchleben müssen: Weihnachten. Für viele, die geliebte Menschen verloren haben, ist Weihnachten der reine Horror. Und jetzt, Ende Oktober, stehen sie seit über einem Monat schon wieder in der Regalen, die Lebkuchen, Dominosteine, Spekulatius und Printen.

Abgesehen davon, dass es scheinbar jedes Jahr früher wird, ist es bis Weihnachten noch mehr als drei Monate hin. Aber Weihnachten ist, neben runden Geburtstagen, ein typisches Familienfest. Auch für mich war Weihnachten immer toll, und Lucas hatte auch noch am zweiten Weihnachtsfeiertag, also am 26. Dezember, Geburtstag. In diesem Jahr wäre er 20 Jahre alt geworden.

Ist es herzlos, dass ich im März zum letzten Mal auf dem Friedhof war? Ich weiß, seine Mutter kümmert sich um das Grab, und ich habe das Grab auch so gestalten lassen, dass es kaum Arbeit macht, aber ich persönlich fühle mich ihm nicht nah, wenn ich auf dem Friedhof bin. Ich fühle mich ihm hier zu Hause nah, wenn ich seine Tasse im Schrank sehe, wenn ich die Bilder von ihm sehe oder sogar, wenn ich einen Film sehe, der ihm gefallen hätte.

Der Herbst ist grau, wie der Winter. Es wird nicht richtig hell draußen, es ist kalt und ungemütlich, und allein für die Fahrt mit dem Rad zum Supermarkt oder zum Metzger brauche ich schon einen Anlauf. Trotzdem gehört diese Zeit für mich zum Jahr dazu. Ich habe mir oft Gedanken gemacht, wie es wäre, alles hier hinter mir zu lassen und auszuwandern. Aber so sehr ich den Herbst auch verabscheue, er würde mir wahrscheinlich trotzdem fehlen.

Letztes Jahr waren die Weihnachtstage dank Rio nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte. Trotz der Leere und dem Schmerz im Inneren habe ich mich aufgerafft, alles weihnachtlich zu schmücken, und die Weihnachtstage selbst waren trotzdem irgendwie schön. Rio schaffte es, mich ständig zu beschäftigen, so dass ich mich nicht mit der Trauer und dem Verlust beschäftigen musste.

Aber nicht jeder hat eine so tolle Partnerin wie ich, das ist mir klar. Es tut mir weh, mir vorzustellen, wie viele Menschen es dort draußen gibt, die Heiligabend allein vor ihrem Teller sitzen. Deshalb hier noch einmal mein Appell: Wenn Ihr solche Menschen kennt, bei denen sich im vergangenen Jahr das gesamte Leben auf den Kopf gestellt hat, dann ladet sie ein. Auch trauernde Menschen sind nicht schlimm, auch sie können lachen, erzählen und sich freuen. Holt sie aus der Lethargie und feiert mit ihnen.

Und für die, die dieses Jahr zum ersten Mal allein sind: Erinnern Sie sich, wie schön die Weihnachten in der Vergangenheit waren und feiern Sie sie genauso, wie Sie sie in Erinnerung haben, weiter. Genau das sind Sie denen, die gehen mussten, schuldig. Die Verstorbenen können Weihnachten nicht mehr feiern, also ist es nun Ihre Aufgabe, das für sie zu tun, mit ihnen im Herzen. Wenn Sie Ihren Partner oder Ihr Kind im Herzen haben, dass lassen Sie bitte dort die Sonne scheinen.

Ich weiß selbst, wie schwierig das ist, aber denken Sie daran, dass es immer Licht gibt. Manchmal sieht man es nur einfach nicht, aber es ist da. So sahen es auch alle, die vor uns gehen mussten.

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Dominikanische Republik 2017

Nach der Beerdigung von Lucas und nachdem mit dem Tattoo und der Grabplatte alles abgeklärt war, kam das Loch. Das war der Moment, an dem Rio und ich hier raus mussten.

Das Loch kam, die Trauer, und alles mit einer Härte, wie wir uns das nicht hätten vorstellen können. Zu dieser Zeit war ich noch sicher, dass wir auf jeden Fall das Haus und den Garten verkaufen und wegziehen würden. Das Projekt Ruinengarten stand schon fest, es war ja auch mit Lucas abgesprochen, aber es sollte eigentlich ein alter Bauernhof werden, den wir Lucasgarten nennen wollten.

Rio und ich beschlossen, dass wir einige Zeit wegfahren wollten, einfach weil uns die Wände hier erdrückten.

Wir buchten 3 Wochen Dominikanische Republik, weil wir das günstig und “Very Last Minute” im Internet erstehen konnten, und machten uns kurz darauf auf den Weg. Und es hat uns beiden gutgetan.

Es war kein Urlaub, aber die Welt um uns war nach dem Tod von Lucas grau, und wir mussten einfach wieder Licht, Farbe und Sonne suchen, um nicht wahnsinnig zu werden. Das können wir auch jedem, der in einer solchen oder ähnlichen Krise steckt, nur raten: Nimm Dir eine Auszeit und suche wieder die Farbe in Deinem Leben. Sicher, es ist schwer und, anders als die Bilder zu vermitteln scheinen, gab es auch dort viele dunkle Momente.

Trotzdem, es hat uns geholfen, und irgendwie hatte ich immer das Gefühl, Lucas war bei uns. Außerdem haben wir dort sehr nette Menschen zum Reden kennengelernt.

Lucas hätte es sicher gefallen!

Schlimm war, dass ich nach diesem Urlaub den Satz hören musste: “Da ist der Sohn kaum kalt, da fahren die in Urlaub.” … aber das ist ein anderes Thema.

Bilder aus der Dominikanischen Republik (zum Vergrößern bitte anklicken):

 
 

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Das Spiel des Lebens

Die Seite ist fertig, zumindest äußerlich. Jetzt muss sie natürlich mit Inhalt gefüttert werden. Wir haben lange überlegt, ob wir allein eine Trauerseite einrichten sollen, oder ob das ein Ort wird für alle, denen aus “Respekt” nicht zugehört wird.

Dann habe ich ein wenig im Internet gesurft und festgestellt, wie viele Foren und Seiten es bereits zum Thema Trauer und Verlust gibt. Möchte ich mich da einreihen? Möchte ich aus dem Ruinengarten ein weiteres Standard-Trauer-Forum oder ein zweites Facebook machen? Nein.

Der Ruinengarten gefällt mir jetzt so, wie er ist. Es ist ein öffentliches Tagebuch, ein Ort, an dem wir laut denken können, an dem ich aber auch über das rede und schreibe, was mir gerade im Moment so durch den Kopf geht, und auch Sie das können. Vielleicht interessiert das nicht viele Menschen, aber das ist egal. Jeder Mensch sollte einen eigenen Ruinengarten haben, einen Ort, an dem er ganz er selbst ist. Einen Ort, den er sich frei bemalen, dekorieren, entrümpeln, sortieren und so einrichten kann, dass er gern dorthin zurückkehrt, einfach um einmal bei sich zu sein.

In meinem Ruinengarten tobt Lucas herum. Er lacht, macht seine Scherze, er ist aber auch ernsthaft und hört zu, wenn es um schwierige und traurige Dinge geht. Der Ruinengarten ist eine Art von Tagebuch, einfach nur öffentlich. Etwas, auf das Sie und ich in Jahren schauen und uns freuen und vielleicht auch wundern können.

Das Schlimmste an der Situation, als Lucas krank war, war das Alleinsein. Ja, ich hatte Lucas und Rio zum Reden, aber manchmal wünsche ich mir eben ein wenig Interesse von außen. Von Menschen, die einfach einmal etwas fragen, die mir ohne Block und Stift gegenübersitzen und die keinen Stundenlohn dafür bekommen, mir zuzuhören. Ja, es gibt Trauergruppen, aber es ist sehr traurig, wenn die Menschen, mit denen man aufgewachsen ist, nicht zuhören können. Hier geht eine Tür zu, da wechselt jemand die Straßenseite und dort kommt ein schlauer Spruch aus der Bibel. Danke, aber nein danke.

Früher als Kind hatte ich ein “Spiel des Lebens”. Normalerweise mag ich keine Gesellschaftsspiele, aber dieses Spiel fand ich gut. Wenn ich verloren habe, stand dort “Du wirst Philosoph und ziehst ins Bauernhaus.”. Gewonnen hatte der Spieler, der in die Millionärsvilla einziehen konnte. Ich will keine Millionärsvilla. Ich will ins Bauernhaus und philosophieren.

Mein eigenes Spiel des Lebens habe ich nicht gewonnen. Zumindest jetzt noch nicht. Und jetzt arbeite ich daran, genau das zu tun, was ein “armer” Philosoph so tut. Muss ich dafür Kant und Hegel kennen? Reicht für einen Philosophen nicht der normale Menschenverstand? Muss ich dafür studiert haben? Oder reicht nicht einfach die Universität des Lebens?

Ich schaue mir auf YouTube gern Vorträge von Precht, Hüther oder Lesch an. Spätestens wenn es aber darum geht, dass ein berühmter Mann oder eine berühmte Frau früher einmal etwas Bedeutendes gesagt hat, schalte ich innerlich ab. Ja, ich lebe den “Kategorischen Imperativ”, aber im Grunde sagt er nichts anderes als “Bitte hinterlassen Sie diese Welt so, wie Sie sie vorfinden möchten”. Als Religion toll, aber mich interessiert nicht, was Kant sonst noch so damit gemeint hat. Kant hat sowieso immer sehr kompliziert geschrieben. Mich interessiert meine eigene Interpretation.

Es gibt genug Zitate und Liedtexte, die für mich philosophisch klingen und die mich zum Nachdenken animieren. Wenn Meat Loaf in Piece Of The Action singt, er möchte nicht in fünfzig Jahren seine goldene Uhr bekommen, sondern heute golden sein, und wenn er davon singt, dass Sie in bestimmten Jobs Ihr Gehalt bekommen für den Preis Ihrer Seele, dann interessiert mich nicht, wer das Lied geschrieben hat, sondern einfach, dass er Recht hatte. Nach meiner Meinung. Für mich und in meinem Sinne.

Jedes Unternehmen redet heute von seiner “Philosophie”. Meistens läuft es darauf hinaus, mit möglichst wenig Einsatz möglichst viel Geld zu verdienen oder sein Leben seinem Arbeitgeber unterzuordnen. Früher haben sie das in die Mitarbeiter investiert, heute fließt es auf Bankkonten oder in dubiose Geschäfte. Kaum ein Unternehmen interessiert mehr, was in 5, 10 oder 50 Jahren ist, weil nahezu alle nur noch auf den schnellen Profit im aktuellen Quartal aus sind. Ein Unternehmer, der heute investiert, um es in 10 Jahren besser zu haben, ist nichts mehr wert. Ein Unternehmer, der seine Leute knechten möchte, der wird darauf sogar geschult.

Einer fängt an, im Internet Spiele zu spielen, und wenn das funktioniert, springen tausend andere auf den Zug auf und machen das Gleiche. Zigtausende laufen Trends hinterher und glauben, besser darin zu sein oder zumindest so gut wie andere, die diese Trends gesetzt haben. Im Fernsehen werden angebliche Superstars gewählt, an die sich nach wenigen Monaten niemand mehr erinnert, und für Geld und das Gerede wird sogar das eigene Geschlechtsteil in die Kamera gehalten oder es werden Maden, Spinnen und ekelhafte Körperteile gegessen. Alle, die da mitmachen, behaupten nachher, es wäre für die “Erfahrung”, die einem niemand nehmen kann. Es geht darum, aus der eigenen scheinbaren Bedeutungslosigkeit herauszutreten ins Licht der Öffentlichkeit. Und das Publikum schaut zu und gröhlt mit.

Lucas’ Tod war auch eine Erfahrung, die mir niemand nehmen kann, auf die ich aber gern verzichtet hätte. Sie hat mich zu einem anderen Menschen gemacht, aber diesen Menschen muss ich erst einmal kennenlernen, um zu sehen, ob ich ihm weiterhin vertrauen kann. Das Leben stellt mich jeden Tag vor neue Erfahrungen, dafür muss ich nicht in ein Dschungelcamp oder mich vor Dieter Bohlen und einem Millionenpublikum blamieren.

Es gibt diesen schönen Satz, von dem ich nicht weiß, wer ihn gesagt hat: An den Gräbern der Verstorbenen steht weinend und tief verschleiert das ungelebte Leben. Das ist es, was ich nicht will. Ich will mein Leben leben. Ohne Sicherheitsnetz, ohne künstliche Umgebung und ohne, dass jemand anderer als ich Regie führt. Und diese Seite ist ein Teil davon, ein Blick hinein, ein kleines Stück aus meiner Gedankenwelt. Auch wenn es nur wenige Menschen interessieren würde, wäre das okay. Ich bin stolz darauf und werde mir diese Texte, sollte es mich dann noch geben, auch in 20 Jahren noch gern anschauen und diese Seite mit Inhalten füllen. Die Seite ist nicht “modern”, aber das soll sie auch nicht sein. Es ist der Inhalt, der zählt. Und Du kannst am Inhalt mitarbeiten. Das ist mein Angebot an Sie.

Wenn es Menschen gibt, die sagen, sie hätten es anders gemacht, dann ist das okay. Wir sind nicht hier, um es allen recht zu machen, sondern um denen, die es betrifft, eine Freude zu machen und zu helfen. Das ist alles.

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Die Geburt von Lucas

Jedes Jahr werden in Deutschland fast 700.000 Kinder geboren, aber trotzdem ist jede Geburt ein Wunder. Hier möchte ich einmal etwas über die Geburt von Lucas erzählen.

Bevor Lucas geboren wurde, habe ich mir keine Gedanken gemacht, wie es wäre, Vater zu sein. Sicher, es gibt viele Klischees, wie den Besuch von Fußballspielen oder gemeinsames Drachen steigen lassen, aber ich habe mir keine Gedanken gemacht, was auf mich zukommen würde. Ein Kind war für mich etwas, was ich mir nicht vorstellen konnte.

Meine Frau wollte um jeden Preis ein Kind. Dafür war sie bereit, sich operieren zu lassen und Hormone zu nehmen. Auch ich ließ mich untersuchen, alles war in Ordnung, aber es dauerte mehr als zwei Jahre, bis sie endlich schwanger wurde. Ich habe mich gefreut, aber es war für mich auch irgendwie nicht vorstellbar.

Dann kam Weihnachten 1998. Ausgezählt war der Junge für den 7. Januar, aber am ersten Weihnachtsfeiertag begann er schon, sich zu melden. Wir hatten uns nicht einmal auf einen Namen festgelegt. Ursprünglich sollte er Tim heißen, aber da es drei Häuser neben uns schon einen kleinen Tim gab, schied das aus.

Am Abend war uns schon klar, dass es sehr bald soweit war. Meine Frau ging ins Bett, aber ich blieb wach und setzte mich vor meinen PC, immer mit einem Ohr Richtung Schlafzimmer. Dann, um ein Uhr nachts, war es soweit, meine Frau rief mich.

Die Wehen waren inzwischen so stark, dass ich ihr in die Socken helfen musste. Die Tasche für das Krankenhaus war gepackt, es konnte direkt losgehen. Natürlich musste das Kind dort entbunden werden, wo sie als Kinderkrankenschwester arbeitete, also fuhren wir auf die andere Rheinseite von Neuss nach Düsseldorf. Inzwischen machte sich auch bei mir eine Mischung aus Hektik und Panik breit.

Die Aufnahme ging zügig, dann ging es sofort ab in Richtung Kreißsaal. Ich habe Verständnis für die Männer, die einfach ihre Frauen abgeben und dann rauchend und zitternd draußen abwarten wollten, aber trotz furchtbarem Geburtsvorbereitungskurs wollte ich bei der Geburt dabei sein.

Von Anfang an wollten wir, wenn möglich, eine natürliche Geburt. Sicher, wir hatten auch Angst, dass meine Frau Stunden oder gar Tage in den Wehen liegen würde, aber wir wollten durchhalten. Das hing natürlich weniger von mir als von ihr ab.

Wir waren um etwa zwei Uhr in der Klinik, dann Aufnahme, Einlauf, Wehenschreiber, Einweisung, alles in allem ging es um halb vier los. Meine Frau presste, als hinge ihr Leben davon ab, und als ich das Köpfchen meines Sohnes sah, änderte sich meine Welt. Er war blond, wie ich. Seine Mutter hatte dunkle Haare, aber er war blond! Das war meiner!

Um kurz nach vier war er dann da, und krähte sofort los. Ich war plötzlich Vater, und das mit einer Wucht, wie ich es mir nie hätte vorstellen können. Die Schwester untersuchte ihn kurz, während ich die Nabelschnur durchschnitt, und dann wusste ich, was mir die ganzen Jahre gefehlt hatte. Von mir bekam er sein erstes Bad, seine erste Windel, und dann hatte ich ihn, eingewickelt in eine Decke, auf dem Arm. Ich wollte ihn nie wieder loslassen.

An Blut, Käseschmiere oder irgendwelche Gerüche von dieser Nacht erinnere ich mich nicht. Ich weiß aber noch, dass ich ihn in diesem Moment schon ganz in meinem Herzen hatte. Das war mein Junge. Es fiel mir ehrlich schwer, ihn aus dem Arm zu geben, um ihn zu seiner Mutter zu legen, aber in dieser Nacht, in diesem Augenblick, entstand das Band zwischen ihm und mir. Das war das Band, das über seinen Tod hinaus nicht reißen würde, und das niemals reißen wird. Plötzlich war dieses winzige Wesen alles, was wichtig war.

Irgendwann in dieser Nacht rief ich auch meine Eltern und Schwiegereltern an, und irgendwann fuhr ich dann auch nach Hause und fiel dort in einen tiefen und traumlosen Schlaf. Für mich war die Welt plötzlich anders. Es war, als wäre ich angekommen. Und auch der Name stand jetzt fest: Er sollte Lucas heißen. Mit C in der Mitte. Wie ich. Ein Traum.

Ich war Vater. Und so stolz!

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Du sollst es mal besser haben

Meine Mutter kam, wenn sie etwas von mir verlangte, immer mit dem gleichen Spruch: “Ich will ja nur, dass Du es mal besser hast als ich. Ich will ja nur Dein Bestes.” Sollte ich wirklich ihr Leben besser leben als sie es konnte?

Kinder sind nicht dazu da, das Leben zu leben, das wir uns für uns selbst gewünscht hätten. Wir wissen auch nicht, wie dieses Leben gelebt wird, denn dann würden wir das selbst tun, aber nicht von unseren Kindern verlangen. Wir wissen genau, was nicht funktioniert, wir machen Fehler, und diese Fehler sollen unsere Kinder gefälligst nicht machen.

Der Volksmund sagt, aus Fehlern lernt man, und das stimmt. Wir lernen aus Fehlern, was für uns nicht funktioniert. Wir lernen aber nicht, was für uns funktioniert, und wir lernen auf keinen Fall, was für andere Menschen funktioniert oder nicht. Wir lernen auch nicht, was wir ändern müssen, damit etwas funktioniert.

Nehmen wir ein typisches Beispiel: Ein junger Mann geht in einer Diskothek auf ein Mädchen zu, das ihm optisch zusagt, und sagt “Hallo.”. Das Mädchen schaut ihn kurz an und wimmelt ihn ab. Wenn ihm das einige Male passiert, entsteht in ihm der Eindruck, auf Mädchen zuzugehen und einfach “Hallo” zu sagen, ist ein Fehler. Die hängenden Schultern, der unsichere Gang, das Fehlen eines Lächelns, alles das macht er unbewusst, registriert es aber nicht. Das ist der Grund für die vielen Bücher mit Tausenden von “Anmach-Sprüchen”, die kommerziell erfolgreich verkauft werden, aber vollkommen sinn- und nutzlos sind. Dass der erfolgreichste Spruch, mit jemandem im Kontakt zu kommen, trotzdem immer noch “Hallo” ist, würde schließlich bedeuten, dass mit ihm selbst etwas nicht stimmt, dass er also an sich selbst, an seinem Auftreten und an seiner Ausstrahlung arbeiten müsste. Da ist es einfacher, sich durch unzählige Sprüche in Büchern zu arbeiten und nachher dem Autor die Schuld zu geben. Und das nächste Buch wartet dann schon im Regal.

Es ist leichter, ein “System” zu hinterfragen und zu kritisieren, als uns selbst. Und dann haben wir vielleicht irgendwann ein Kind, sind aber tief im Inneren mit unserer eigenen Situation frustriert, haben in unserem Leben also enorm viele “Fehler” gemacht. Wir wissen aber nicht, was genau die Fehler waren, wollen aber, dass unsere Kinder es einmal “besser haben”. Und genau das wollten unsere Eltern auch. Und ohne es zu wollen machen wir bei unseren Kindern dann das kaputt, was bei uns selbst durch unsere eigenen Eltern zerstört wurde: die Individualität.

Das machen wir, indem wir unsere Kinder nicht ihr Leben leben lassen, sondern ihnen unsere “Werte” aufzwingen.

“Das tut man nicht.”
“Das funktioniert sowieso nicht.”
“Schau, dass Du nicht auffällst.”
“Schau mal, wie Du aussiehst.”
“Der … hat das schließlich auch schon geschafft.”
“Solange Du Deine Beine unter meinen Tisch stellst …”
“Du willst doch wohl nicht …”
“Ich will ja nur Dein Bestes.”
“Ich will ja nur, dass Du es mal besser hast als ich.”

Wir wollen, dass unsere Kinder die “richtigen” Freunde haben, sich “vernünftig” und “ordentlich” benehmen, gute Noten aus der Schule nach Hause bringen, dann ruhig oder ausgelassen sind, wenn wir es wollen und dass sie, wenn anders, dann höchstens besser sind als andere, mit denen wir sie immer vergleichen. Sie sollen besser sein, ohne herauszuragen, denn sie sollen sich anpassen. Anpassung ohne das Stellen unangenehmer Fragen ist schließlich noch immer das, was in den Schulen am besten benotet wird.

Die Grabinschrift “Er lebte still und unscheinbar. Er starb, weil es so üblich war.” ist scheinbar für viele Menschen noch immer das reine Glück, das niemand hinterfragen sollte. Es gibt aber auch das Zitat von Georg Jellinek: Am Grab der meisten Menschen trauert, tief verschleiert, ihr ungelebtes Leben.

Kinder sind keine Kopien von uns, und ihnen unsere angeblichen Werte und Ziele aufzuzwingen ist das mieseste Zeichen von Respektlosigkeit, das wir ihnen antun können. Kinder müssen begleitet und beschützt, aber nicht gelenkt werden. Und Kinder müssen sich erfahren können. Das heißt nicht, dass wir unsere Kinder nicht davon abhalten, Toilettenreiniger zu trinken oder auf eine vielbefahrene Straße zu laufen, sondern es heißt, dass wir sie als Individuen behandeln und ihnen die Möglichkeit geben sollten, ihre eigenen Fähigkeiten zu erfahren und auszubilden. Wenn ich als Vater gern Fußball schaue, kann sich mein Sohn entscheiden, ob er das auch mag oder nicht. Wenn er stattdessen lieber Geige spielt oder tanzt, dann ist das sein Recht. Und wenn ich ihn liebe, dass interessieren mich auch seine Vorlieben.

Unsere Kinder werden Fehler machen, und sie werden mehr als einmal auf die Nase fallen. Wenn es dabei nicht um etwas Bedrohliches geht, dann ist es lediglich unsere Aufgabe als Eltern, ihnen so viel Selbstvertrauen zu vermitteln, dass sie immer einmal mehr wieder aufstehen als hinfallen. Viele Erwachsene würden mit ihrer Einstellung gnadenlos versagen, wenn sie noch einmal Kinder wären. Beim Laufen lernen dreimal hingefallen? Nein, ich glaube, Laufen ist nichts für mich … und dann wollen wir Kindern die Welt erklären?

Wenn ich das Gefühl habe, in meinem Leben stimmt etwas nicht, dann muss ich mein eigenes Leben ändern. Mein Kind hat sein eigenes Leben, und es hat jedes Recht, Fehler zu machen, seinen Weg zu finden und glücklich zu werden. Was das heißt, weiß ich nicht, denn mein Kind hat andere Vorstellungen von Glück als ich sie habe. Wenn der Sohn eines frustrierten Arztes als Straßenmusiker glücklich wird, dann sollte sich der Vater freuen.

Es gibt nur genau zwei Dinge, die wir für unsere Kinder tun müssen: Wir müssen sie lieben und wir müssen sie schützen. Mehr nicht.

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