* 26. Dezember 1998

† 31. März 2017

Was kann ich über diesen wundervollen Menschen sagen? Dass er es geliebt hat, zu reden? Dass er es geliebt hat, zu lachen? Dass zuerst ich ihn auf die Welt gebracht habe, und dann er mit mir das Gleiche tat?

Vielleicht ist es das erste, das auffiel, dass nahezu jeder, der ihn kannte, ihn auch mochte. Ja, er war jemand, der sich immer um Menschen gekümmert hat. Er konnte niemanden leiden oder weinen sehen, ohne dass er sich kümmerte, oder es zumindest versuchte.

Ich erinnere mich an unsere Koch-Sessions in der Küche. Das ging nie ohne zu lachen und zu singen, meistens Lieder von Queen wie “Bohemian Rhapsody” oder “Under Pressure”. Ich erinnere mich an das Knattern seines Motorrads, wenn er aus der Schule oder von seinen Freunden nach Hause kam. Ich erinnere mich, wie stolz er war, als er das Motorrad bekam und an die Stunden, die wir im Geschäft verbrachten, weil er sich ein perfektes Outfit zusammenstellen wollte.

Ich erinnere mich an viele stundenlange Serien-Marathons mit “Dr. House”, “Hannibal”, “Sherlock”, “Breaking Bad” und “The Walking Dead”, in denen wir bis in die Nacht eine Folge nach der anderen schauten, ich zwischendurch Tee machte und wir zusammen lachten.

Ich erinnere mich auch, wie er mir hier leise zu mir sagte: “Papa, ich habe keine Muskeln mehr.”, weil er es nicht mehr schaffte, sich in seinem Bett umzudrehen. Und ich erinnere mich, dass ich ihn anlächelte und sagte: “Lucas, dann benutz einfach meine Muskeln, ich helfe Dir.”

Ich erinnere mich, wie ich im Garten saß, und Schwester Antje vom Palliativteam zu mir kam und mir sagte, Lucas würde sich weniger Sorgen um sich selbst als um mich machen. Ich erinnere mich an Nächte im Hof der Palliativstation, an die Tauben, die über uns gebrütet haben und an Chai-Tee und Zigaretten. Und an unsere Gespräche.

Ich erinnere mich an den kleinen, 7-jährigen Jungen, der unendlich stolz war, als er mit Papa zum ersten Mal die Black Mamba im Phantasialand bezwungen hatte. Ich erinnere mich an Runde um Runde in der Raupe auf der Kirmes und wie viel Spaß er hatte. An lange Rutschen auf dem Spielplatz, die wir zusammen gerutscht sind, an Würstchen wochenlang jeden Mittag, wenn er aus der Grundschule kam, an “Oggy und die Kakerlaken”, die wir fast immer zusammen schauten und an sein Lachen.

Ich erinnere mich, wie er weinte, als ich mich von seiner Mutter trennte und an seine Hand am nächsten Tag, als er mich ansah und sagte: “Papa, Du tust genau das Richtige. Ich stehe zu Dir.” Da war er 10 Jahre alt. Und ich erinnere mich an seine Frage: “Papa, hast Du Angst?” Ja, ich hatte Angst.

Ich erinnere mich auch an den faulen Sack, der er sein konnte, der lieber spielte als zu helfen, wenn er keine Lust zum Helfen hatte. Ich erinnere mich an den kleinen Jungen, der allen kleinen Mädchen auf dem Campingplatz den Kopf verdrehte und der mich dann als Teenager fragte, wie er Mädchen kennenlernen konnte.

Ich erinnere mich an gute Zeiten, an laute Zeiten und auch an Streits, die wir hatten. Ich brüllte ihn einmal an: “Ich hab Dich doch lieb!”, und er brüllte zurück “Ich Dich doch auch!”. Daran bestand nie ein Zweifel, selbst im schlimmsten Streit nicht.

Lucas machte sich bis zum Schluss immer Sorgen um andere. Um seine Mutter, seine Freundin, seine Freunde, seinen Opa, seine Oma und um mich. Er konnte sterben, ohne zu jammern, und wir können deshalb auch weiterleben, ohne zu jammern. Ja, ich war verzweifelt, und bin es teilweise immer noch. Aber ich habe ihm Versprechen gegeben. Einige habe ich schon eingelöst, einige werde ich noch einlösen und einige kann ich nicht einlösen, aber auch das ist gut so. Er versteht es.

Er verabschiedete sich von mir, und er ging mit einem Lächeln auf den Lippen, als wollte er sagen, alles wird gut. Ich habe ihn, wie ich es versprochen habe, auf seinem ganzen Weg an der Hand gehalten, und auch der Tod trennt das nicht. Ich bin stolz, sein Vater sein zu dürfen und diese 18 wunderschönen Jahre mit ihm verbracht zu haben.

Gern hätte ich gesehen, wie er sein Leben meistert, einmal selbst ein Kind hat und wie er sich als Vater gemacht hätte. Sicher gut, denn er liebte Kinder. Er wird vermisst, wird aber nie verschwunden sein. Menschen wie Lucas trägt man für immer im Herzen, und das ist gut so.

Videos von Lucas (05. - 07. August 2014 in Paris)

Video abspielen
Video abspielen

Bilder von Lucas