Die Seite ist fertig, zumindest äußerlich. Jetzt muss sie natürlich mit Inhalt gefüttert werden. Wir haben lange überlegt, ob wir allein eine Trauerseite einrichten sollen, oder ob das ein Ort wird für alle, denen aus “Respekt” nicht zugehört wird.

Dann habe ich ein wenig im Internet gesurft und festgestellt, wie viele Foren und Seiten es bereits zum Thema Trauer und Verlust gibt. Möchte ich mich da einreihen? Möchte ich aus dem Ruinengarten ein weiteres Standard-Trauer-Forum oder ein zweites Facebook machen? Nein.

Der Ruinengarten gefällt mir jetzt so, wie er ist. Es ist ein öffentliches Tagebuch, ein Ort, an dem wir laut denken können, an dem ich aber auch über das rede und schreibe, was mir gerade im Moment so durch den Kopf geht, und auch Sie das können. Vielleicht interessiert das nicht viele Menschen, aber das ist egal. Jeder Mensch sollte einen eigenen Ruinengarten haben, einen Ort, an dem er ganz er selbst ist. Einen Ort, den er sich frei bemalen, dekorieren, entrümpeln, sortieren und so einrichten kann, dass er gern dorthin zurückkehrt, einfach um einmal bei sich zu sein.

In meinem Ruinengarten tobt Lucas herum. Er lacht, macht seine Scherze, er ist aber auch ernsthaft und hört zu, wenn es um schwierige und traurige Dinge geht. Der Ruinengarten ist eine Art von Tagebuch, einfach nur öffentlich. Etwas, auf das Sie und ich in Jahren schauen und uns freuen und vielleicht auch wundern können.

Das Schlimmste an der Situation, als Lucas krank war, war das Alleinsein. Ja, ich hatte Lucas und Rio zum Reden, aber manchmal wünsche ich mir eben ein wenig Interesse von außen. Von Menschen, die einfach einmal etwas fragen, die mir ohne Block und Stift gegenübersitzen und die keinen Stundenlohn dafür bekommen, mir zuzuhören. Ja, es gibt Trauergruppen, aber es ist sehr traurig, wenn die Menschen, mit denen man aufgewachsen ist, nicht zuhören können. Hier geht eine Tür zu, da wechselt jemand die Straßenseite und dort kommt ein schlauer Spruch aus der Bibel. Danke, aber nein danke.

Früher als Kind hatte ich ein “Spiel des Lebens”. Normalerweise mag ich keine Gesellschaftsspiele, aber dieses Spiel fand ich gut. Wenn ich verloren habe, stand dort “Du wirst Philosoph und ziehst ins Bauernhaus.”. Gewonnen hatte der Spieler, der in die Millionärsvilla einziehen konnte. Ich will keine Millionärsvilla. Ich will ins Bauernhaus und philosophieren.

Mein eigenes Spiel des Lebens habe ich nicht gewonnen. Zumindest jetzt noch nicht. Und jetzt arbeite ich daran, genau das zu tun, was ein “armer” Philosoph so tut. Muss ich dafür Kant und Hegel kennen? Reicht für einen Philosophen nicht der normale Menschenverstand? Muss ich dafür studiert haben? Oder reicht nicht einfach die Universität des Lebens?

Ich schaue mir auf YouTube gern Vorträge von Precht, Hüther oder Lesch an. Spätestens wenn es aber darum geht, dass ein berühmter Mann oder eine berühmte Frau früher einmal etwas Bedeutendes gesagt hat, schalte ich innerlich ab. Ja, ich lebe den “Kategorischen Imperativ”, aber im Grunde sagt er nichts anderes als “Bitte hinterlassen Sie diese Welt so, wie Sie sie vorfinden möchten”. Als Religion toll, aber mich interessiert nicht, was Kant sonst noch so damit gemeint hat. Kant hat sowieso immer sehr kompliziert geschrieben. Mich interessiert meine eigene Interpretation.

Es gibt genug Zitate und Liedtexte, die für mich philosophisch klingen und die mich zum Nachdenken animieren. Wenn Meat Loaf in Piece Of The Action singt, er möchte nicht in fünfzig Jahren seine goldene Uhr bekommen, sondern heute golden sein, und wenn er davon singt, dass Sie in bestimmten Jobs Ihr Gehalt bekommen für den Preis Ihrer Seele, dann interessiert mich nicht, wer das Lied geschrieben hat, sondern einfach, dass er Recht hatte. Nach meiner Meinung. Für mich und in meinem Sinne.

Jedes Unternehmen redet heute von seiner “Philosophie”. Meistens läuft es darauf hinaus, mit möglichst wenig Einsatz möglichst viel Geld zu verdienen oder sein Leben seinem Arbeitgeber unterzuordnen. Früher haben sie das in die Mitarbeiter investiert, heute fließt es auf Bankkonten oder in dubiose Geschäfte. Kaum ein Unternehmen interessiert mehr, was in 5, 10 oder 50 Jahren ist, weil nahezu alle nur noch auf den schnellen Profit im aktuellen Quartal aus sind. Ein Unternehmer, der heute investiert, um es in 10 Jahren besser zu haben, ist nichts mehr wert. Ein Unternehmer, der seine Leute knechten möchte, der wird darauf sogar geschult.

Einer fängt an, im Internet Spiele zu spielen, und wenn das funktioniert, springen tausend andere auf den Zug auf und machen das Gleiche. Zigtausende laufen Trends hinterher und glauben, besser darin zu sein oder zumindest so gut wie andere, die diese Trends gesetzt haben. Im Fernsehen werden angebliche Superstars gewählt, an die sich nach wenigen Monaten niemand mehr erinnert, und für Geld und das Gerede wird sogar das eigene Geschlechtsteil in die Kamera gehalten oder es werden Maden, Spinnen und ekelhafte Körperteile gegessen. Alle, die da mitmachen, behaupten nachher, es wäre für die “Erfahrung”, die einem niemand nehmen kann. Es geht darum, aus der eigenen scheinbaren Bedeutungslosigkeit herauszutreten ins Licht der Öffentlichkeit. Und das Publikum schaut zu und gröhlt mit.

Lucas’ Tod war auch eine Erfahrung, die mir niemand nehmen kann, auf die ich aber gern verzichtet hätte. Sie hat mich zu einem anderen Menschen gemacht, aber diesen Menschen muss ich erst einmal kennenlernen, um zu sehen, ob ich ihm weiterhin vertrauen kann. Das Leben stellt mich jeden Tag vor neue Erfahrungen, dafür muss ich nicht in ein Dschungelcamp oder mich vor Dieter Bohlen und einem Millionenpublikum blamieren.

Es gibt diesen schönen Satz, von dem ich nicht weiß, wer ihn gesagt hat: An den Gräbern der Verstorbenen steht weinend und tief verschleiert das ungelebte Leben. Das ist es, was ich nicht will. Ich will mein Leben leben. Ohne Sicherheitsnetz, ohne künstliche Umgebung und ohne, dass jemand anderer als ich Regie führt. Und diese Seite ist ein Teil davon, ein Blick hinein, ein kleines Stück aus meiner Gedankenwelt. Auch wenn es nur wenige Menschen interessieren würde, wäre das okay. Ich bin stolz darauf und werde mir diese Texte, sollte es mich dann noch geben, auch in 20 Jahren noch gern anschauen und diese Seite mit Inhalten füllen. Die Seite ist nicht “modern”, aber das soll sie auch nicht sein. Es ist der Inhalt, der zählt. Und Du kannst am Inhalt mitarbeiten. Das ist mein Angebot an Sie.

Wenn es Menschen gibt, die sagen, sie hätten es anders gemacht, dann ist das okay. Wir sind nicht hier, um es allen recht zu machen, sondern um denen, die es betrifft, eine Freude zu machen und zu helfen. Das ist alles.

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