Das weiße Kaninchen

Die schönsten Reisen sind die, die wir in unseren Gedanken machen, um selbst dort noch überrascht zu werden.

Wer hat nicht schon einmal Alice im Wunderland gelesen oder den Film dazu gesehen? Wenn ich so darüber nachdenke, dann ist es seltsam, wie viel von dieser Geschichte in mir steckt.

Immer wieder stehe ich vor Aufgaben, die stumpfsinnig sind oder die ich einfach nur mache, weil sie gemacht werden müssen. Ein Beispiel dafür sind die noch nicht aufgeräumten Zimmer in diesem Haus. Da stapeln sich Kartons, Säcke und Kabelknäuel auf dem Speicher, die aufgeräumt und sortiert werden müssen. Da quillt der Schuppen über mit unsortiertem Werkzeug. Und da ist so vieles, was ich einfach loswerden muss, weil es nur Staub fängt und weder schön noch nützlich ist.

Manchmal ist es spannend, zu sehen, welche Dinge aus der Vergangenheit sich verstecken, aber meistens ist es reine Arbeit, nichts anderes. Und da kommt das weiße Kaninchen ins Spiel. Schon früher, wenn ich einen PC nach dem anderen zusammengebaut und installiert habe, war das nicht übermäßig spannend. Auch der Bau von Internetseiten ist zum größten Teil recht öde, wenn es nicht um den Inhalt, sondern nur um die Struktur, also das Aussehen geht. Und dann kommt es gehoppelt …

Ehrlich gesagt liebe ich diese monotonen Aufgaben irgendwie. Sie lassen Platz. Und plötzlich kommt ein Gedanke, der mit einem großen “Was wäre, wenn …” anfängt. Das ist das weiße Kaninchen, dem ich einfach nur folgen muss. Dann wird es spannend.

In meinem Kopf bauen sich Landschaften auf, die ich einfach nur gestalten, ausmalen und entdecken muss. Manchmal denke ich, dass es genau das ist, was einen wirklichen Philosophen von einem dummen Philosophiestudenten unterscheidet. Es geht nicht darum, wer einmal etwas scheinbar Kluges in grauer Vorzeit gesagt hat, sondern darum, einen Satz zu nehmen und ihn so lange in seinem Kopf zu drehen und zu wenden, bis er plötzlich Gestalt annimmt. Es geht darum, die Hintergründe entdecken zu wollen, um zu sehen, wohin sie einen führen.

Genau das mache ich auch in meinen Blogs und Podcasts. Der erste Satz, der erste Eindruck, ein Grundthema, das steht meistens fest. Das ist das Kaninchen, dem ich einfach nur folgen muss. Wenn ich rede oder schreibe, ist es noch einmal intensiver. Lange habe ich überlegt, ob ich die Pausen, die ich beim Reden in Podcasts mache, herausschneiden soll. Technisch wäre das kein Problem, ich bekäme nur ein Problem mit mir selbst.

Sätze entstehen bei mir während des Redens. Es ist ein wenig “Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?”. Sätze bilden sich in meinem Kopf, und teilweise überlege ich selbst während des Redens weiter, wie ich etwas ausdrücken will. Es ist das Kaninchen, von dem ich teilweise am Anfang des Satzes nicht weiß, wo es mich bis zum Ende des Satzes hinführt.

Es ist genau das, was ich meinte, als ich anfangs sagte, ich muss Sätze aus meinen Gedanken machen, um sie ordnen zu können. Wenn alles okay ist, dann reicht es, einfach während stumpfsinniger Arbeit wie Aufräumen oder Bügeln die Gedanken auf die Reise zu schicken. Es ist Wahnsinn, wie viele Landschaften sich in der Phantasie auftun. Wenn aber etwas nicht stimmt, wie in den letzten Monaten bei mir, dann ist es gut, diese Gedanken nachher zu ordnen, indem ich schreibe oder rede. Lösungen ergeben sich immer auf dem Weg, nie im Stillstand. Monatelang habe ich Dinge verdrängt, aber etwas zu verdrängen bedeutet nicht, es auch loszuwerden.

Es ist schwer, die Trauer um den Tod des eigenen Kindes loszuwerden, wenn nicht sogar unmöglich. Aber hier kommt wieder der Ruinengarten ins Spiel. Was ich nicht loswerden kann und will, kann ich vielleicht zu etwas Sinnvollem ausbauen. Tod durch Krebs hat keinen Sinn, aber es macht Sinn, zu versuchen, aus dem Tod von Lucas etwas Lebendiges zu machen. Langsam fange ich an, den Grabhügel zu bepflanzen. Vielleicht wächst etwas Neues daraus. Es würde Lucas vielleicht niemals gerecht, aber es ist besser, als nichts zu tun.

Ich würde mich nie als großen Philosophen beschreiben, aber wenn Philosophie eigentlich nichts anderes ist als der bewusste Blick über den Tellerrand und die Verfolgung des weißen Kaninchens, würde ich mir mehr Philosophen wünschen. Lucas war so jemand. Wir haben so oft zusammen den Horizont gestürmt, und genau das fehlt mir. Aber ich gehe weiter, er leitet mich. Zumindest hat er das versprochen, und er hat seine Versprechen eigentlich immer gehalten.

So, wo ist der nächste Tellerrand?

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