Der erste Todestag

Lucas starb an einem Freitag, nachts um halb eins. Das ist jetzt so lange her, aber mir kommt es vor, als wäre es gestern gewesen.

An seinem ersten Todestag war ich auf dem Friedhof und habe dort eine Schale aufgestellt. Es war das erste Mal seit Weihnachten, dass ich dort war. Ich habe eine intensive Verbindung zu Lucas, aber nicht zu seinem Grab, obwohl es so gestaltet ist, wie er es sich vorgestellt hätte.

Lucas ist nicht dort. Was dort vergraben ist, ist seine Hülle, aber die hat, seit er starb, mit ihm selbst nichts mehr zu tun. Seine Seele ist hier, zu Hause und für immer um mich herum. Sie begleitet und leitet mich. Manchmal lächelt er, manchmal lacht er laut, manchmal mault er, manchmal zieht er auch seine Stirn in Falten, und ich merke, er ist hier. Ich spüre ihn.

Vielleicht ist die Tatsache, dass seine Oma und sein Opa so kurz vor ihm gehen mussten, etwas, was mir heute hilft, besser oder vielleicht auch anders mit dem Tod umzugehen. Wir alle hoffen aus tiefstem Herzen, dass unseren Kindern nichts passiert und dass sie glücklich sind und bleiben. Aber das ist nicht selbstverständlich.

Vor Kurzem habe ich eine wunderschöne Dokumentation über Afrika gesehen. Wenn es lange nicht geregnet hat und die Savanne austrocknet, machen sich Elefanten auf den Weg, um etwas zum fressen zu finden. Besonders für junge Tiere endet dieser Weg oft tödlich. Da stand also diese Elefantenkuh neben ihrem Kalb, das gerade zusammengebrochen war, und versuchte mit aller Macht, es wieder auf die Beine zu bringen.

Der Rest der Herde lief weiter, bis sie irgendwann außer Sicht waren. Nur diese Mutter blieb bei ihrem Kind. Dann starb der Kleine. Die Mutter blieb noch eine zeitlang stehen, und man sah deutlich, dass sie trauerte. Dann machte sie sich weiter auf den Weg.

Wir glauben immer, unsere angebliche Intelligenz würde uns zu etwas Besserem machen. Das tut sie nicht. Schmerz und Trauer sind nicht auf den Menschen beschränkt, es gibt sie überall um uns herum. Hunde, Katzen, Delfine, Elefanten, Kühe, sie alle können trauern und sie alle fühlen den Schmerz. Wir Menschen sind nur die einzigen, die glauben, wir hätten Gefühle nur für uns gepachtet, und die ihren Schmerz in Religion, Drogen, Alkohol oder Arbeit ertränken wollen.

Vielleicht ist das Leben wirklich ein Kreislauf. Wir kommen auf die Welt, leben, lieben, lachen, arbeiten und dann sterben wir. Wenn es wirklich ein Kreislauf ist, werden wir danach wieder geboren. Vielleicht ist das Leben etwas, das immer und überall um und herum schwirrt und auf etwas wartet, was es sich nehmen und lebendig machen kann. Ein Mensch, ein Tier, ein Baum und eine Blume, das alles lebt, und das alles stirbt auch zu seiner Zeit. Irgendwo kommt diese Kraft und diese Energie her, und irgendwohin geht sie auch danach wieder.

Als Kind habe ich teilweise die Tiere, mit denen ich vielleicht Donnerstags noch gespielt habe oder die Freitags noch im Stall saßen oder fröhlich über die Wiese liefen, Samstags oder Sonntags gegessen. Hühner, Kaninchen, Flugenten, auch das alles waren Lebewesen mit Gefühlen. Und ich habe oft genug beobachtet, dass auch junge Tiere wegen Krankheiten oder einfach, weil sie nicht stark genug waren, gestorben sind. Die Elterntiere haben immer getrauert, und als Kind gehörte das für mich fast schon zum Alltag.

Ich habe getrauert, als meine Großmutter gestorben ist. Sie hat mich großgezogen. Ich habe auch getrauert, als Adi, der Freund meiner Mutter und “Opa” von Lucas gestorben ist und auch, als im selben Jahr meine Mutter starb. Es war anders. Sie haben ihr Leben mehr oder weniger gelebt, sie hatten alle Chancen, etwas aus ihrem Leben zu machen.

Auch Lucas hat gelebt, und ich habe mich bemüht, dass er glücklich sein konnte. Nur sein Leben war eben verdammt kurz. Ich hätte gern gesehen, was aus ihm geworden wäre. Ich habe versucht, ihm so wenig wie möglich in sein Leben hineinzureden, um ihm die Chance zu geben, aus seiner Zukunft sein eigenes Bestes zu machen. Sicher, zum Schluss habe ich immer mehr die Regie übernommen, aber das war auch deshalb, weil ich Angst hatte. Angst, ihn zu verlieren und Angst, dass seine letzten Wochen und Monate nicht schön sein könnten. Verloren habe ich ihn, zumindest körperlich, aber an schönen Tagen, wenn ich draußen bin oder sogar, wenn ich hier sitze, dann spüre ich ihn.

Kein Kind sollte vor seinen Eltern sterben. Diesen Satz habe ich bis zur Genüge gehört. Aber es passiert, obwohl es nicht sein soll und eigentlich nicht sein darf. Soll das ein Trost sein, wenn Menschen mir das sagen? Nein, es ist die Hilflosigkeit. Das Unfassbare kann man nicht in Worte fassen. Ich kann das nicht, und ich bin sicher, auch die Elefantenkuh aus der Doku könnte das nicht.

Aber sie ist dann weitergegangen. Weiter, um ihre Herde wiederzufinden. Weiter, um etwas zu fressen zu finden. Weiter, um weiterzuleben. Vielleicht wissen Elefanten etwas, das wir nicht wissen oder das wir verlernt haben: Das Leben geht weiter und auch ihr Kind wird in der Zukunft wieder eine Chance haben. Das ist es, was ich Lucas wünsche. Ein neues Leben in einem neuen Körper oder in einer anderen, glücklichen Welt. Vielleicht wieder als Mensch, vielleicht auch als Schmetterling, als Elefant oder als Blume. Vielleicht wird er so wieder glücklich. Das wünsche ich ihm.

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