Der Weg ins Leben

Wäre das Leben nicht schön, würden wir wohl um niemanden trauern, der es verloren hat. In diesem Text geht es um den Weg durch die Dunkelheit zurück ins Licht.

Was hat die Trauer für einen Sinn? Sicher, ich trauere darum, dass mein Sohn nicht mehr das Leben leben kann, das er sich gewünscht hat, aber trotzdem bin ich sicher, dass es ihm jetzt gut geht. Oder zumindest helfe ich mir mit dem festen Glauben daran über den Schmerz hinweg. Wenn ein geliebter Mensch gehen muss, und gerade wenn er, wie Lucas, noch so jung war, lässt das eine Menge Fragen zurück. Hauptsächlich ist das die Frage nach dem Sinn.

Dass Lucas gelebt hat, hatte Sinn. Es hatte sogar sehr viel Sinn. Er hat vielen Menschen Freude gemacht, nicht nur mir. Er hat viele Menschen zum Lachen gebracht, sie getröstet, mit ihnen gefeiert und ihnen das Gefühl gegeben, jemand Besonderes zu sein. Auch mir.

Jetzt sitze ich hier, denke an ihn und überlege, was er eigentlich wollte. Er wollte, dass es den Menschen um ihn herum gut ging. Wie schon im Text aus dem Jahrbuch seiner Schule bemerkt wurde, konnte er es schwer ertragen, wenn es jemandem, der ihm etwas bedeutete, schlecht ging. Ich hatte die Ehre, und ich bin stolz darauf, dass er sich von mir verabschieden konnte. Dabei hat er gelächelt.

Er hatte ganz sicher Angst. Wer hätte keine Angst, wenn er hört, dass er sterben muss? Aber wir alle müssen sterben, irgendwann. Die einen früher, die anderen später, aber für fast jeden kommt es zu früh. Auf der Palliativstation konnte ich mich einige Male mit Hermann Gröhe unterhalten, unserem damaligen Gesundheitsminister, der zu der Zeit dort seinem Vater beistand. Auch für ihn kam es zu früh, sich verabschieden zu müssen, obwohl sein Vater bereits ein stattliches Alter erreicht hatte.

Der Tod kommt immer unerwartet. Vielleicht ist danach alles zu Ende, vielleicht werden wir in einem anderen Körper wiedergeboren, vielleicht kommen wir auch alle an einen anderen, besseren Ort. Vielleicht gibt es nach dem Tod auch tatsächlich eine Abrechnung, einen intensiven Blick auf das vergangene Leben.
Wenn das so ist, wie will ich dann vor meinen “Schöpfer” treten? Was soll ich sagen, wenn er mich fragt, ob und wie ich mein Leben gelebt habe? Will ich die Zeit, die mir in dieser Welt noch bleibt, damit verbringen, auf Smartphones zu starren und nur virtuell zu leben? Will ich ein Leben leben, das mir von anderen Menschen vorgeschrieben wurde? Will ich in einer Schablone leben? Will ich im Leben auf mich selbst verzichten?

Es gibt eine Menge furchtbarer Schicksale in der Welt. Da werden Menschen ohne Arme und Beine geboren, da kommen Menschen krank und deformiert zur Welt, und einige Menschen haben nur wenige Jahre, bis sie uns von einem Schicksal wie Krebs, einem Unfall oder dummen Mitmenschen wieder weggenommen werden. Und dann gibt es die, denen eigentlich nichts fehlt, die aber trotzdem innerlich krank und zerfressen sind. Menschen, die ihren Mitmenschen das Leben zur Hölle machen, die nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind, die andere Menschen hassen und sogar töten, nur weil sie nicht das gleiche glauben oder tun wie man selbst.

Wenn es einen Gott gibt, will er dann angebetet werden? Sind wir seine Haustiere, die gehorchen müssen? Sind Menschen die Hunde Gottes, die jeden Sonntag hechelnd in die Kirche rennen oder mehrmals täglich sabbernd auf dem Gebetsteppich knien müssen? Lässt Gott uns nicht in seinen Himmel, wenn wir nicht getauft sind oder unsere Söhne nicht genital verstümmelt haben? Ist Gott wirklich so ein Arschloch?

Wenn es einen Gott gibt, hat er mir meinen Sohn genommen. Er hat meinem Sohn das Leben genommen. Aber er hat mir auch zwei Arme, zwei Beine, einen Mund und eine dicke Nase gegeben. Ich muss sie nur nutzen. Ich betrete keine Kirche mehr, weil ich es sinnlos finde. Ich kann mich mit dem Gedanken an eine höhere Macht vielleicht anfreunden, aber nicht mit einem Glauben, in dem diese Macht auf Klingelbeutel, Kerzen und Weihrauch abfährt. Ich respektiere jeden, der in seinem Glauben Trost sucht, aber ich suche meinen Trost lieber im Leben.

Ich muss nur einmal aus dem Fenster schauen, um zu sehen, wie schön die Welt sein kann. Ich habe ein Aquarium mit wunderschönen Fischen, zwei fantastische Hunde und wundervolle Wellensittiche, die zwar sehr laut sind, aber mir Freude machen. Und nicht zuletzt habe ich eine sehr schöne und verständnisvolle Freundin, die zu mir hält. Ich bin sicher, für jeden von uns gibt es Menschen da draußen, die einfach passen, die einem gut tun. Das mag nicht die Mehrzahl sein, aber es gibt sie. Wir müssen ihnen nur die Chance geben. Wenn es der falsche ist, lächeln wir und gehen weiter. Jeder hat eine Chance verdient.

Wenn ich aus dem letzten Jahr etwas gelernt habe, dann ist das, mehr zu leben. Nichts mehr aufschieben, im Hier und im Jetzt zu leben, das habe ich gelernt. Das Leben kann morgen vorbei sein, und dann? Ich möchte mich nicht auf das “Danach” verlassen müssen. Das Loch, in dem ich sitze, ist tief, aber langsam arbeite ich mich wieder nach oben, ans Licht, ins Leben. Warum fangen so viele Menschen erst dann an zu leben, wenn etwas Schlimmes passiert? Warum wird das Leben erst dann wertvoll, wenn wir mit der Nase darauf gestoßen werden, dass es kurz ist?

Es gibt schlechte Menschen. Sie laufen mir immer wieder über den Weg, vielleicht schaden sie mir auch das eine oder andere Mal, aber selbst das ist eigentlich, wenn ich ehrlich bin, vollkommen belanglos, solange sie mich nicht mein Leben kosten. Ich kann mich umdrehen und weggehen, dann bin ich sie los. Das können diese Menschen nicht. Sie sind 24 Stunden an jedem einzelnen Tag bei sich und werden sich nicht los. Wer hat das schlimmere Schicksal?

Ich möchte Menschen helfen, ich möchte mein Leben genießen, ich möchte, wenn ich kann, dem weißen Kaninchen folgen und ich möchte sehen, wo mich die Wellen des Lebens hinspülen. Wenn es mir dort nicht gefällt, gehe ich weiter, solange ich kann. Ich möchte nichts mehr tun, nur weil es getan werden soll oder weil mir jemand sagt, ich müsste das tun. Ich mache mir keine Gedanken mehr darüber, was andere Menschen über mich denken, weil sie nicht ICH sind. Sätze wie “Das gehört sich nicht” oder “Das tut man nicht” oder “Wenn das jeder machen würde” kosten mich nur noch ein Schulterzucken oder ein Grinsen, bevor ich mich rumdrehe und mich wertvolleren Menschen zuwende.

Das Leben kann morgen vorbei sein. Aber ich warte nicht länger darauf, dass es vorbei ist. Ich genieße jeden Tag, egal, wie das Wetter ist und egal, was passiert. Was passiert, das passiert sowieso. Und wenn ich tatsächlich irgendwann vor einem Schöpfer stehen sollte, und der mich fragt, ob ich gelebt habe, möchte ich JA sagen können, ohne zu lügen. Vielleicht habe ich manchmal nicht funktioniert, vielleicht habe ich manchmal meine “Pflicht” nicht erfüllt, weil mein Herz mir etwas anderes sagte, aber ich habe gelebt. Und ich werde weiterleben.

– Anzeige –

 
 

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Datenschutzerklärung und Allgemeine Nutzungsbedingungen