Jedes Jahr werden in Deutschland fast 700.000 Kinder geboren, aber trotzdem ist jede Geburt ein Wunder. Hier möchte ich einmal etwas über die Geburt von Lucas erzählen.

Bevor Lucas geboren wurde, habe ich mir keine Gedanken gemacht, wie es wäre, Vater zu sein. Sicher, es gibt viele Klischees, wie den Besuch von Fußballspielen oder gemeinsames Drachen steigen lassen, aber ich habe mir keine Gedanken gemacht, was auf mich zukommen würde. Ein Kind war für mich etwas, was ich mir nicht vorstellen konnte.

Meine Frau wollte um jeden Preis ein Kind. Dafür war sie bereit, sich operieren zu lassen und Hormone zu nehmen. Auch ich ließ mich untersuchen, alles war in Ordnung, aber es dauerte mehr als zwei Jahre, bis sie endlich schwanger wurde. Ich habe mich gefreut, aber es war für mich auch irgendwie nicht vorstellbar.

Dann kam Weihnachten 1998. Ausgezählt war der Junge für den 7. Januar, aber am ersten Weihnachtsfeiertag begann er schon, sich zu melden. Wir hatten uns nicht einmal auf einen Namen festgelegt. Ursprünglich sollte er Tim heißen, aber da es drei Häuser neben uns schon einen kleinen Tim gab, schied das aus.

Am Abend war uns schon klar, dass es sehr bald soweit war. Meine Frau ging ins Bett, aber ich blieb wach und setzte mich vor meinen PC, immer mit einem Ohr Richtung Schlafzimmer. Dann, um ein Uhr nachts, war es soweit, meine Frau rief mich.

Die Wehen waren inzwischen so stark, dass ich ihr in die Socken helfen musste. Die Tasche für das Krankenhaus war gepackt, es konnte direkt losgehen. Natürlich musste das Kind dort entbunden werden, wo sie als Kinderkrankenschwester arbeitete, also fuhren wir auf die andere Rheinseite von Neuss nach Düsseldorf. Inzwischen machte sich auch bei mir eine Mischung aus Hektik und Panik breit.

Die Aufnahme ging zügig, dann ging es sofort ab in Richtung Kreißsaal. Ich habe Verständnis für die Männer, die einfach ihre Frauen abgeben und dann rauchend und zitternd draußen abwarten wollten, aber trotz furchtbarem Geburtsvorbereitungskurs wollte ich bei der Geburt dabei sein.

Von Anfang an wollten wir, wenn möglich, eine natürliche Geburt. Sicher, wir hatten auch Angst, dass meine Frau Stunden oder gar Tage in den Wehen liegen würde, aber wir wollten durchhalten. Das hing natürlich weniger von mir als von ihr ab.

Wir waren um etwa zwei Uhr in der Klinik, dann Aufnahme, Einlauf, Wehenschreiber, Einweisung, alles in allem ging es um halb vier los. Meine Frau presste, als hinge ihr Leben davon ab, und als ich das Köpfchen meines Sohnes sah, änderte sich meine Welt. Er war blond, wie ich. Seine Mutter hatte dunkle Haare, aber er war blond! Das war meiner!

Um kurz nach vier war er dann da, und krähte sofort los. Ich war plötzlich Vater, und das mit einer Wucht, wie ich es mir nie hätte vorstellen können. Die Schwester untersuchte ihn kurz, während ich die Nabelschnur durchschnitt, und dann wusste ich, was mir die ganzen Jahre gefehlt hatte. Von mir bekam er sein erstes Bad, seine erste Windel, und dann hatte ich ihn, eingewickelt in eine Decke, auf dem Arm. Ich wollte ihn nie wieder loslassen.

An Blut, Käseschmiere oder irgendwelche Gerüche von dieser Nacht erinnere ich mich nicht. Ich weiß aber noch, dass ich ihn in diesem Moment schon ganz in meinem Herzen hatte. Das war mein Junge. Es fiel mir ehrlich schwer, ihn aus dem Arm zu geben, um ihn zu seiner Mutter zu legen, aber in dieser Nacht, in diesem Augenblick, entstand das Band zwischen ihm und mir. Das war das Band, das über seinen Tod hinaus nicht reißen würde, und das niemals reißen wird. Plötzlich war dieses winzige Wesen alles, was wichtig war.

Irgendwann in dieser Nacht rief ich auch meine Eltern und Schwiegereltern an, und irgendwann fuhr ich dann auch nach Hause und fiel dort in einen tiefen und traumlosen Schlaf. Für mich war die Welt plötzlich anders. Es war, als wäre ich angekommen. Und auch der Name stand jetzt fest: Er sollte Lucas heißen. Mit C in der Mitte. Wie ich. Ein Traum.

Ich war Vater. Und so stolz!

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