Die letzte Liste

Das Leben ist etwas, das wir genießen sollten. Aber warum spüren wir das meist erst dann, wenn es zu spät ist? Warum erfüllen wir unsere Träume nicht heute, statt sie so lange vor uns her zu schieben, bis sie unerreichbar werden?

Auf RTL2 lief vor einiger Zeit die Sendereihe “Voller Leben – Meine letzte Liste”. Abseits von all dem Schund, der uns normalerweise im TV gezeigt wird, geht es hier ausnahmsweise einmal um wirkliche, reale Menschen, die eine tödliche Krankheit haben und die eine Liste der Erlebnisse erstellen, die sie vor ihrem Tod noch erfahren möchten. Diese Sendung war stellenweise sehr ergreifend.

Aber warum kommen wir meistens erst dann, wenn das Leben zu Ende geht, auf die Idee, noch einmal zu leben? Warum schieben wir immer auf, statt hier, jetzt und heute das zu tun, was wir unbedingt tun möchten?

Es ist vielleicht ein typisch deutsches Phänomen, aber viele Menschen genießen nicht das, was sie haben, sondern bedauern das, was sie nicht haben. Der neidvolle Blick zum Nachbarn, wenn der ein besseres Auto fährt oder ein größeres Haus besitzt, vernebelt uns meistens die Sicht darauf, wie gut wir es eigentlich haben.

Im WDR lief vor einigen Jahren ein Bericht über einen Menschen, der so stark an Depressionen litt, dass er sich das Leben nehmen wollte. Aus diesem Grund warf er sich vor einen Zug, der ihn allerdings nicht tötete, sondern seine Beine abtrennte. Das änderte nicht nur sein Leben, sondern auch seine Einstellung dazu. Seitdem kümmert er sich aufopferungsvoll um andere Menschen, die an Depressionen leiden, hilft wo er kann und hat ein neues Ziel und einen Sinn in seinem Leben gefunden.

Als Betroffener hat er einen anderen Zugang zu anderen Betroffenen. Er weiß besser als jeder Therapeut, wie sich eine Depression anfühlt und wie er mit solchen Menschen umzugehen hat. Dieser Mensch hat meinen vollen Respekt, obwohl ich sicher bin, dass er das auch schon gekonnt hätte, bevor er seine Beine verlor. Ich bin auch sicher, dass er, wenn er nicht im Rollstuhl säße, anderen Betroffenen besser und schneller würde helfen können.

Es gibt Menschen, die leben können, es aber nicht wollen. Und dann gibt es Menschen, die aus dummen Gründen wie einer Krankheit sterben müssen, aber leben wollen. Die Mehrheit von uns lebt aber, als wäre das Leben unendlich. Wir schieben auf, wir vertagen und wir träumen von Dingen, die wir irgendwann einmal tun möchten, aber nicht heute.

Das Leben ist aber leider endlich, und irgendwann endet es unweigerlich mit dem Tod. Das kann in Jahrzehnten sein, das kann aber auch schon heute oder morgen sein. In der Sendung bei RTL2 ist mir aufgefallen, dass es sich bei den Wünschen auf der “Letzten Liste” selten um große Dinge wie Weltreisen oder Häuser handelt. Es geht um die kleinen Dinge, zum Beispiel sich einmal für einen Fotografen richtig schön zu machen, einen Elefanten zu streicheln oder die Nordlichter zu sehen. Das alles sind Wünsche, die sich jeder von uns erfüllen könnte, die wir aber, wenn wir sie haben, immer wieder wegen “wichtigerer” Dinge aufschieben.

Adi, der Lebensgefährte meiner Mutter, träumte immer davon, das Miniatur-Wunderland in Hamburg zu sehen, besonders weil er Modelleisenbahnen liebte. Alle Reportagen im Fernsehen über diese riesige Modelleisenbahn schaute er sich mit Begeisterung an. Mehrere Dutzend Male ist er, auf dem Weg zu unserem Wohnwagen an der Ostsee, an Hamburg vorbeigefahren. Gesehen hat er das Miniatur-Wunderland nie. Im Februar 2013 starb er an einem aggressiven Lungenkrebs.

Was würden wir tun, wenn wir wüssten, dass wir in einem Jahr sterben müssten? Welche Wünsche hätten wir? Wie sähe unsere letzte Liste aus? Wären es wirklich die Dinge, die wir jetzt deshalb nicht tun, weil es unsere Zukunft verbauen würde, oder wären es nicht eher Dinge, die wir schon immer tun wollten, aber immer vor uns hergeschoben haben? Vielleicht ein Tanzkurs oder das Lernen einer anderen Sprache oder eines Instruments? Vielleicht ein Wellness-Wochenende oder auch der Aufbau einer Modelleisenbahn?

Lasst uns nichts mehr verschieben auf eine Zeit, in der wir das vielleicht nicht mehr können. Das Leben kann morgen zu Ende sein, und wäre es nicht schade, zumindest die kleinen Dinge, die uns Freude machen würden, nicht erlebt zu haben?

Als mein Sohn starb, hatte er viel erlebt. Ich hatte nie viel Geld, aber das kam auch daher, weil ich immer versucht habe, Wünsche möglichst sofort zu erfüllen. Lucas hatte einen Führerschein, sein Motorrad, das er über alles liebte, und als er sich kaum noch bewegen konnte, hatte er natürlich den Wunsch, manche Dinge nochmal zu erleben. Aber er hatte sie erlebt, und er kannte das Gefühl. Das Geld für den Türkeiurlaub hätte ich vielleicht auch gut für eine neue Küche brauchen können. Aber wir haben in der Zeit, in der er krank war, lange und gern über den Urlaub geredet, über das wunderschöne Taurusgebirge und über seine Rafting-Tour auf dem Dim. Hätten wir auch so lange und gern über eine neue Küche geredet? Ich glaube kaum.

Das Leben ist, entgegen der verbreiteten Meinung, nicht dazu da, von 8 bis 17 Uhr zu arbeiten und sich im Rest der Zeit davon zu erholen. Das Leben ist auch nicht dazu da, Dinge oder Geld zu sammeln, sondern dazu, Dinge zu erleben. Totkranke Menschen machen es uns vor. Lasst uns leben, so lang wir es können. Morgen könnte es zu spät sein.

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