Die Sache mit dem Internet

Selten wurde ein Thema, besonders zwischen den Generationen, so kontrovers diskutiert wie das Internet und das Smartphone.

Auch wenn es sich vielleicht in anderen Blogs oder Gesprächen anders angehört haben mag, habe ich nichts gegen das Internet und auch nichts gegen Smartphones. Es geht mir auch nicht darum, zurück in die 80er Jahre zu wollen, im Gegenteil.

Die 80er Jahre, in denen es nicht einmal Handys gab, mögen im Rückblick romantisch erscheinen, aber sie waren es nicht. Sie waren laut, dreckig und die Ellenbogen-Gesellschaft war auf ihrem Höhepunkt, in den Unternehmen und sogar in den Schulen. Die Kriminalitätsrate und die Zahl der Gewaltverbrechen und Körperverletzungen waren damals, auch ohne Flüchtlingswelle, drastisch höher als heute. Der Rhein stank, wie viele andere Flüsse, kilometerweit gegen den Wind, und bei einem Sprung in die Erft, in der heute an jedem sonnigen und warmen Tag Kinder und Jugendliche baden, war damals eine Garantie für Pickel, Pusteln und Ausschläge.

Heute sind wir ein riesiges Stück weiter, das heißt, es geht uns heute viel besser. Das ist nicht zuletzt auch ein Verdienst des Internet, denn heute sind die Menschen besser informiert, und statt 3 oder 5 (staatlich reglementierten) Fernsehprogrammen gibt es heute Tausende davon plus unzähligen Internetseiten, so dass jeder grundsätzlich in der Lage ist, sich ein umfassendes Bild aktueller Situationen zu schaffen.

Wenn ich die Wahl habe, ob sich Jugendliche (und auch Erwachsene) in sozialen Netzen, von denen es auch unzählige gibt, zusammenfinden und virtuell austauschen oder sich, wie in den 80er Jahren, gegenseitig auf die Mütze hauen, bevorzuge ich ganz klar das erstere. Phänomene wie Burnout oder Mobbing sind kein neues Problem, sie werden nur heute mehr beachtet und haben einen Namen, genau wie es auch früher schon Menschen mit Laktose-Intoleranz oder Gluten-Unverträglichkeit gab, nur dass heute diesen Menschen aktiv geholfen wird. Auch das ist zum Teil ein Verdienst des Internet.

Vor Kurzem habe ich gesagt, dass es eine “virtuelle Welt” nicht gibt, und dazu stehe ich. Was im Internet passiert, ist ein Spiegel der Gesellschaft, die sich, befeuert durch die Netze, neu ausprobiert. Unterschwelligen Fremdenhass gab es immer und in jeder Nation, weil die Angst vor Fremden nicht nur erziehungsbedingt in nahezu jedem Menschen vorhanden ist. Wenn es eine Chance geben sollte, Ängste zu überwinden, dann liegt auch sie ganz klar im Internet und in den Medien. Und selbstverständlich wird genau dieses Netz auch genutzt, um Ängste zu schüren, und das von Gruppen und Menschen, die darin einen persönlichen Vorteil sehen. Es ist immer leichter, eine Angst zu bestätigen als sie zu überwinden.

Wenn mir jemand in mein Weltbild grätscht und mich zu ändern versucht, dann ist auch meine erste Reaktion die Abwehr. Zu groß ist die Gefahr, dass ich erkennen muss, dass mit mir und meiner Einstellung etwas nicht stimmt. Und so suche ich natürlich die Nähe der Menschen, die ähnliche Ansichten haben wie ich, weil ich so Bestätigung finde und mich nicht ändern muss. Die Angst vor fremden Dingen, Menschen und Situationen hat jahrtausendelang das Überleben der Menschheit gesichert.

Aber die Welt ist im Wandel, und es wird einen grundsätzlichen Umbruch geben müssen, wenn wir nicht wieder auf neue Kriege und Gewalt zusteuern wollen. Das Internet und das Smartphone sind Zeichen dieses Wandels, und sie sind Gefahr und Chance gleichzeitig. Die Gefahr liegt darin, sich und sein Leben in den Netzen zu verfangen und den Blick für das wahre Leben zu verlieren. Die Gefahr liegt auch darin, dass sich die “falschen” Menschen mit den “falschen” Einstellungen hier versammeln oder Opfer von Seelenfängern und vermeintlichen Heilsverkündern werden können. Das passiert, und die Resultate sind absurde Gruppen wie AfD, Scientology oder ISIS. Ja, ich sehe hier zwischen diesen Gruppen tatsächlich Parallelen, weil sie alle keine Lösungen bieten, sondern einfach nur zum eigenen Vorteil mit den Ängsten von Menschen spielen, indem sie sie bestätigen.

Eine große Gefahr für unsere Gesellschaft sehe ich darin nicht. Nicht nur der gesunde Menschenverstand, sondern auch die Erfahrungen, die unsere Nationen in den vergangenen hundert Jahren sammeln mussten, werden eine Wiederholung der Geschichte wohl verhindern. Wir leben in deiner Demokratie, bei der vielleicht nicht alles gut läuft, die aber für den überwiegenden Teil der Bevölkerung zu wertvoll ist, als dass sie wieder in totalitäre Strukturen zurückfallen möchten.

Grundsätzlich ist es auch gut, dass sich Menschen heute über Ländergrenzen hinweg austauschen können, denn das erweitert den eigenen Horizont. Wir haben heute die Möglichkeit, Nachrichten aus nahezu jedem Teil der Welt innerhalb von Sekunden aufzunehmen, was großartig ist. Was wir jetzt lernen müssen, ist das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen. Wir müssen lernen, mit allen Möglichkeiten, die wir besitzen, uns selbst zu produzieren, uns trotzdem zu fragen, was wir tun und was nicht.

Durch das Zusammenrücken der Welt fühlen sich viele Menschen inzwischen in einer Schleife der eigenen Bedeutungslosigkeit gefangen. Wir sehen andere, die nicht viel besser sind als wir selbst, die aber trotzdem den Erfolg haben, den wir uns für uns selbst wünschen. Dann wird zum Teil kopiert, was das Zeug hält, und wir merken, dass diese Kopie nicht den gleichen Erfolg hat wie das Original. Wie viele “Influencer”, wie viele “Let’s Player”, wie viele Blogger, wie viele Internetradios und wie viele Podcaster kann ein Netz vertragen?

Ich möchte mich hier nicht ausnehmen. Auch ich mache genau das, aber mit einem Unterschied. Natürlich freue ich mich über die Menge an Besuchern im Ruinengarten, ich freue mich über die Anrufer und ich freue mich auch über die positive Resonanz. Aber würde ich diese Seite, den Podcast, die Blogs und die Aktionen auch machen, wenn es niemanden interessieren würde? Ja, das würde ich, und zwar aus dem Grund, weil ich es für mich selbst machen muss. Nicht aus finanziellen, sondern aus persönlichen Gründen. Ich brauche keine Bestätigung von außen, sondern allein ein gutes Gefühl für mich selbst, ich will mich erkennen und ich will mich mögen. Genau dazu dient für mich der Ruinengarten mit all seinen Teilen.

Wenn ich jemanden interessant finde, möchte ich ihn kennen lernen. Und wenn ich im vergangenen halben Jahrhundert etwas gelernt habe, dann ist das, dass der Erfolg dann kommt, wenn ich etwas mit Begeisterung mache. Ich mache keinen Podcast, weil es gerade ein Trend ist, sondern deshalb, weil mir die Technik jetzt die Möglichkeit bietet, etwas zu tun, was noch vor ein paar Jahren in dieser Form nicht möglich gewesen wäre. Wenn ich einen Podcast einspreche, dann sehe ich dabei nicht die Zuhörer, die dieses Selbstgespräch einmal hören werden, sondern ich bin mit mir allein, ordne meine Gedanken und höre mir selbst zu. Wenn ich einen Blog-Beitrag wie diesen schreibe, dann schreibe ich ihn erst einmal für mich selbst. Meine eigene Bedeutung für mich selbst ziehe ich nicht aus der Zahl der Zuhörer, sondern aus jedem Puzzle-Teil, dass sich in mir zu den anderen fügt und das sich mit anderen Teilen zu einem Bild zusammenfügt.

So lerne ich, was an mir schön ist und woran ich arbeiten muss, damit es mir besser gefällt. Dieses “Produzieren statt Konsumieren” ist ein knüppelharter Prozess, aber er bringt mich weiter. Gute Bücher werden auch nicht dadurch geschrieben, dass eine Geschichte bezahlt wird, sondern dadurch, dass eine Geschichte einfach aus dem Kopf auf ein Blatt (oder in den Computer) muss. Diese Seite hilft mir in einem Bereich, der mit dem Internet nur beiläufig zu tun hat, nämlich im wahren Leben. Die Seite hilft mir beim Einkaufen, beim Lachen, beim Diskutieren, in meiner Beziehung zu anderen Menschen und sogar beim Schlafen. Für mich persönlich ist sie ein Werkzeug.

Und damit sind wir wieder beim Thema. Das Internet und das Smartphone sind nichts anderes als Werkzeuge. Sie sind wie ein Messer, mit dem ich Brot und Wurst schneiden oder schöne Dinge schnitzen kann. Das Internet hilft mir, mich zu informieren und meinen Horizont zu erweitern. Aber genau wie mit einem Messer kann ich auch mit dem Internet dumme oder sogar destruktive Dinge tun. Die Wahrheit liegt, wie immer, in der Mitte. Es ist nichts dagegen einzuwenden, mich für bestimmte Zeit in einem Chat oder einem Spiel zu verlieren, solange ich immer weiß, wo und wie ich mich wiederfinde und dass das, was ich da mache, nicht “die Welt” ist.

Ein paar Podcast-Folgen zu produzieren oder ein paar Texte zu schreiben, um Popularität zu gewinnen, ist Blödsinn. Sicher, es gibt so genannte Stars wie Luke Mockridge oder Jan Böhmermann, die auf ihren Erfolg jetzt noch einen Podcast draufgesetzt haben, aber ist es da nicht besser, etwas aus Leidenschaft zu tun, nur um für sich selbst zu erfahren, wie es ist, es einfach zu tun? Mir sind die Leute am sympathischsten, die nachher erstaunt sind, dass das, was sie da tun, Erfolg hatte.

Das Leben ist nicht auf den Monitoren und Displays, es ist auch nicht in Bits und Bytes ausdrückbar, es ist da draußen. Es ist toll, einen schönen Schmetterling zu sehen und sich dann im Internet schlau zu machen, welche Art das war und wie diese Tiere leben. Aber Blumen duften im Internet nicht, und der, der da gerade seine Linsensuppe mit dem Wort “Nice” ins Netz stellt, hat vielleicht andere Probleme, die nicht mit einem “Like” zu beheben sind. Genau das sollten wir nie vergessen. Eine echte Umarmung ist so viel schöner als ein Tanz vor der Webcam …


Einfach, weil ich es so interessant finde:

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