Du sollst es mal besser haben

Meine Mutter kam, wenn sie etwas von mir verlangte, immer mit dem gleichen Spruch: “Ich will ja nur, dass Du es mal besser hast als ich. Ich will ja nur Dein Bestes.” Sollte ich wirklich ihr Leben besser leben als sie es konnte?

Kinder sind nicht dazu da, das Leben zu leben, das wir uns für uns selbst gewünscht hätten. Wir wissen auch nicht, wie dieses Leben gelebt wird, denn dann würden wir das selbst tun, aber nicht von unseren Kindern verlangen. Wir wissen genau, was nicht funktioniert, wir machen Fehler, und diese Fehler sollen unsere Kinder gefälligst nicht machen.

Der Volksmund sagt, aus Fehlern lernt man, und das stimmt. Wir lernen aus Fehlern, was für uns nicht funktioniert. Wir lernen aber nicht, was für uns funktioniert, und wir lernen auf keinen Fall, was für andere Menschen funktioniert oder nicht. Wir lernen auch nicht, was wir ändern müssen, damit etwas funktioniert.

Nehmen wir ein typisches Beispiel: Ein junger Mann geht in einer Diskothek auf ein Mädchen zu, das ihm optisch zusagt, und sagt “Hallo.”. Das Mädchen schaut ihn kurz an und wimmelt ihn ab. Wenn ihm das einige Male passiert, entsteht in ihm der Eindruck, auf Mädchen zuzugehen und einfach “Hallo” zu sagen, ist ein Fehler. Die hängenden Schultern, der unsichere Gang, das Fehlen eines Lächelns, alles das macht er unbewusst, registriert es aber nicht. Das ist der Grund für die vielen Bücher mit Tausenden von “Anmach-Sprüchen”, die kommerziell erfolgreich verkauft werden, aber vollkommen sinn- und nutzlos sind. Dass der erfolgreichste Spruch, mit jemandem im Kontakt zu kommen, trotzdem immer noch “Hallo” ist, würde schließlich bedeuten, dass mit ihm selbst etwas nicht stimmt, dass er also an sich selbst, an seinem Auftreten und an seiner Ausstrahlung arbeiten müsste. Da ist es einfacher, sich durch unzählige Sprüche in Büchern zu arbeiten und nachher dem Autor die Schuld zu geben. Und das nächste Buch wartet dann schon im Regal.

Es ist leichter, ein “System” zu hinterfragen und zu kritisieren, als uns selbst. Und dann haben wir vielleicht irgendwann ein Kind, sind aber tief im Inneren mit unserer eigenen Situation frustriert, haben in unserem Leben also enorm viele “Fehler” gemacht. Wir wissen aber nicht, was genau die Fehler waren, wollen aber, dass unsere Kinder es einmal “besser haben”. Und genau das wollten unsere Eltern auch. Und ohne es zu wollen machen wir bei unseren Kindern dann das kaputt, was bei uns selbst durch unsere eigenen Eltern zerstört wurde: die Individualität.

Das machen wir, indem wir unsere Kinder nicht ihr Leben leben lassen, sondern ihnen unsere “Werte” aufzwingen.

“Das tut man nicht.”
“Das funktioniert sowieso nicht.”
“Schau, dass Du nicht auffällst.”
“Schau mal, wie Du aussiehst.”
“Der … hat das schließlich auch schon geschafft.”
“Solange Du Deine Beine unter meinen Tisch stellst …”
“Du willst doch wohl nicht …”
“Ich will ja nur Dein Bestes.”
“Ich will ja nur, dass Du es mal besser hast als ich.”

Wir wollen, dass unsere Kinder die “richtigen” Freunde haben, sich “vernünftig” und “ordentlich” benehmen, gute Noten aus der Schule nach Hause bringen, dann ruhig oder ausgelassen sind, wenn wir es wollen und dass sie, wenn anders, dann höchstens besser sind als andere, mit denen wir sie immer vergleichen. Sie sollen besser sein, ohne herauszuragen, denn sie sollen sich anpassen. Anpassung ohne das Stellen unangenehmer Fragen ist schließlich noch immer das, was in den Schulen am besten benotet wird.

Die Grabinschrift “Er lebte still und unscheinbar. Er starb, weil es so üblich war.” ist scheinbar für viele Menschen noch immer das reine Glück, das niemand hinterfragen sollte. Es gibt aber auch das Zitat von Georg Jellinek: Am Grab der meisten Menschen trauert, tief verschleiert, ihr ungelebtes Leben.

Kinder sind keine Kopien von uns, und ihnen unsere angeblichen Werte und Ziele aufzuzwingen ist das mieseste Zeichen von Respektlosigkeit, das wir ihnen antun können. Kinder müssen begleitet und beschützt, aber nicht gelenkt werden. Und Kinder müssen sich erfahren können. Das heißt nicht, dass wir unsere Kinder nicht davon abhalten, Toilettenreiniger zu trinken oder auf eine vielbefahrene Straße zu laufen, sondern es heißt, dass wir sie als Individuen behandeln und ihnen die Möglichkeit geben sollten, ihre eigenen Fähigkeiten zu erfahren und auszubilden. Wenn ich als Vater gern Fußball schaue, kann sich mein Sohn entscheiden, ob er das auch mag oder nicht. Wenn er stattdessen lieber Geige spielt oder tanzt, dann ist das sein Recht. Und wenn ich ihn liebe, dass interessieren mich auch seine Vorlieben.

Unsere Kinder werden Fehler machen, und sie werden mehr als einmal auf die Nase fallen. Wenn es dabei nicht um etwas Bedrohliches geht, dann ist es lediglich unsere Aufgabe als Eltern, ihnen so viel Selbstvertrauen zu vermitteln, dass sie immer einmal mehr wieder aufstehen als hinfallen. Viele Erwachsene würden mit ihrer Einstellung gnadenlos versagen, wenn sie noch einmal Kinder wären. Beim Laufen lernen dreimal hingefallen? Nein, ich glaube, Laufen ist nichts für mich … und dann wollen wir Kindern die Welt erklären?

Wenn ich das Gefühl habe, in meinem Leben stimmt etwas nicht, dann muss ich mein eigenes Leben ändern. Mein Kind hat sein eigenes Leben, und es hat jedes Recht, Fehler zu machen, seinen Weg zu finden und glücklich zu werden. Was das heißt, weiß ich nicht, denn mein Kind hat andere Vorstellungen von Glück als ich sie habe. Wenn der Sohn eines frustrierten Arztes als Straßenmusiker glücklich wird, dann sollte sich der Vater freuen.

Es gibt nur genau zwei Dinge, die wir für unsere Kinder tun müssen: Wir müssen sie lieben und wir müssen sie schützen. Mehr nicht.

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