Manchmal ist es schwierig, die richtigen Worte über sich selbst zu finden, wenn man sich beschreiben möchte. Ich versuche es einfach mal …

Ich bin kein einfacher Mensch. Viele behaupten sogar, ich wäre arrogant und fast unnahbar, aber auch das stimmt nicht. Die Wahrheit ist vielleicht komplizierter.
Vielleicht hat mich die Erziehung meiner Mutter und meiner Großmutter zu dem gemacht, was ich heute bin. Vielleicht liegt es auch wirklich irgendwie in den Genen. Aber das kann ich mir nicht vorstellen, denn Lucas war in mancher Hinsicht, besonders was den Umgang mit anderen Menschen betrifft, anders als ich. Offener. Vielleicht hatte er das aber auch von seiner Mutter.

Manchmal versuche ich tatsächlich, selbst offen auf Menschen zuzugehen. In gewisser Hinsicht, also auf bestimmte Zeit, gelingt mir das. Vielleicht, bis das Arschloch in mir wieder durchbricht. Das ist dann der, der versucht, zu analysieren. Das hat nichts mit Schizophrenie zu tun, sondern damit, dass mich ehrlich gesagt viele Menschen langweilen. Ja, es ist spannend, Menschen zu beobachten, aber ich bin nicht der nette Typ, der diese Beobachtungen dann für sich behält. Wenn jemand aber leicht zu durchschauen ist, ist es mit der Spannung vorbei.

Das ist vielleicht auch einer der Gründe, weshalb ich Serien wie Sherlock, Dr. House oder sogar Hannibal so liebe. Ich kann mich in bestimmter Weise in diese Charaktere einfühlen, weil ich irgendwie ahnen kann, wie sie “ticken”. Bei jemandem wie Gregory House, der in gewisser Weise ein Soziopath ist, sehe ich aber auch, dass er ein Mensch ist, der einfach Opfer seiner Erlebnisse wurde und seine Schlüsse daraus gezogen hat. Er ist mir sympathisch, obwohl er auf seine Art auch widerlich ist.

Ich bin auch nicht der, vor dem man so ohne weiteres angeben kann, denn dazu beobachte ich zu sehr und zu gern. Wenn mir jemand erzählt, was für ein erfolgreicher Geschäftsmann er ist, ich gleichzeitig aber abgefressene Fingernägel und Klamotten von Kik sehe, dann ist das der Moment, in dem ich mich, zumindest innerlich, abwende. Die Welt ist voll von Menschen, die ihren Freunden gern ein Küsschen geben, die es lieben, in großer Gruppe zum Bowling zu gehen oder abendelang über Nichtigkeiten zu schwafeln. Das ist der Typ Versicherungsvertreter, der jedem das Gefühl gibt, wichtig zu sein, der aber nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist.

Dabei ist es egal, ob es wirklich darum geht, jemandem eine Versicherung oder eine Immobilie anzudrehen, oder ob es nur darum geht, möglichst schmerzfrei durchs Leben zu kommen. So bin ich nicht. Ich hasse Lügen. Und das, obwohl ich selbst häufig lüge. Das klingt vielleicht absurd, hat aber einen Grund. Wenn ich lüge, dann geschieht das, um meine Ruhe zu haben und nicht, um eine schöne Zeit mit möglichst vielen Freunden zu verbringen. Ich biedere mich niemandem an und bezeichne kein Auto als “ganz toll”, nur weil jemand Anderer stolz darauf ist, wenn ich es nicht selbst schön finde.

Anders käme ich leichter durchs Leben. Ja, wenn man Komplimente macht, weil andere sie hören wollen, kann man eine schöne Zeit haben. Es war nur schon immer mein Problem, dass ich das nicht will. Ja, ich könnte, aber bei Menschen, die mir etwas bedeuten, will ich das nicht. Menschen, die mir egal sind, und das sind die meisten, kann ich lügen, mich herumdrehen, weggehen und vergessen. Das ist keine Arroganz, das ist Selbstschutz.

Ich stelle mich nicht über andere. Ich finde mich auch nicht besser, schöner oder intelligenter als andere. Ich bin anders, ich bin ich, das ist alles, was ich sein will. Mein Problem ist, dass ich mich entweder auf Menschen einlassen möchte, und dann ganz, oder garnicht. Dieser lockere Haufen an “Bekannten” ist nicht mein Ding. Ja, es gibt eine Menge Leute, die ich regelmäßig beim Einkaufen oder bei der Arbeit sehe, und ich wechsel auch gern ein paar Worte mit ihnen, aber ich lasse mich nicht auf sie ein.

Seltsam ist, dass bei vielen Menschen ein Lächeln schon das Eis brechen kann. Das beobachte ich zum Beispiel immer wieder, wenn ich auf der Straße jemanden anlächle, und er (oder sie) stehenbleibt und ein Gespräch beginnt. Ein Lächeln führt dazu, dass sich mir vollkommen fremde Menschen öffnen wollen und beginnen, mir Dinge zu erzählen, die ich nicht erzählen würde. Wenn jemand wie ich aber zu oft enttäuscht wurde, dann wird man misstrauisch. Ich versuche dann immer, mich auf nette Art dieser Situation wieder zu entziehen. Was ich auch schaffe.

Wenn ich jemanden mag und ihn in meine Welt gelassen habe, dann tu ich alles für ihn. Rio ist so ein Mensch, und das Schöne ist, dass sie es in gewisser Weise nicht weiß. Vielleicht weiß sie es aber doch und nutzt es nicht aus, was um so schöner ist. Ich liebe sie nicht nur, ich vertraue ihr, und das ist das größte, was ich über einen anderen Menschen sagen kann.

Vielleicht werden jetzt einige, die diesen Text lesen, mir raten, eine Therapie zu machen, um offener auf Menschen zuzugehen. Das setzt aber voraus, dass ich genau das will, und genau das tu ich nicht. Ich will nur offen werden für Menschen, die es in meinen Augen verdienen, und gegenüber dieser Seite, weil es hier ist, als würde ich mit Lucas sprechen. Ich genieße die Zeit mit Rio genauso wie die Zeit, die ich mit mir selbst habe. Die Zeit mit Lucas habe ich geliebt, und das beruhte auf Gegenseitigkeit. Wir wussten uns beide zu nehmen und wir wussten, wie etwas gemeint war, was wir sagten. Wir wussten sogar, was gemeint war, wenn keiner von uns etwas sagte.

Das würde ich von Rio niemals erwarten wollen, weil sie ihre Geschichte hat und ich habe meine. Das Schöne ist, dass diese Geschichten sich nicht gleichen, aber fast perfekt zusammenpassen. Sie hat ihre Marotten, und ich habe meine, und manchmel reiben wir uns aneinander, aber selten so, dass wirklich Funken sprühen. Manchmal ist sie eingeschnappt, manchmal ich, manchmal streiten wir uns heftig, aber das gehört dazu. Ich erinnere mich an meine 13 Jahre Ehe, in denen ich mich mit meiner Frau nie gestritten habe, um dann festzustellen, dass sie meilenweit von mir entfernt war. Ich war nicht besser als sie, und sie war nicht besser als ich, aber wir waren zu verschieden. Das ist es, was Menschen meinen, wenn sie sagen, sie haben sich auseinandergelebt. Daran war auch niemand Schuld, außer dem Umstand, dass wir uns wirklich nie gestritten haben, und dass wir nie wirklich geschaut haben, wo wir gemeinsam stehen, ob wir noch gemeinsam stehen und wohin wir gemeinsam wollen. Ich lebte meinen Traum, und sie ihren. Die Träume waren nur zu verschieden, das ist alles. Manchmal muss einfach die Richtung und der Abstand überprüft und, wenn möglich, korrigiert werden. Ein Gewitter reinigt die Luft.

Man kann Menschen nicht hinter die Stirn schauen. Ich war jahrelang mit einem Menschen befreundet, von dem ich dann erfuhr, dass er seine Freundinnen regelmäßig geschlagen hatte, so wie es sein Vater mit seiner Mutter tat. Gemerkt habe ich davon nichts, oder wollte ich es vielleicht nicht sehen? Die Freundschaft war danach beendet. Als meine Oma starb, war von meinen “Freunden”, für die ich immer da war, nichts mehr zu sehen. Auch das habe ich beendet.

Ich möchte einfach Offenheit, und keine Lari-Fari-Bekanntschaften, bei denen ich eine schöne Zeit haben kann, wenn ich nur nicht zu genau hinschaue. Ich kann mich mit jedem unterhalten, aber ich möchte nicht missioniert werden. Du kannst an einen bestimmten Gott glauben, kein Fleisch essen, keine Kinder haben oder nicht rauchen, aber das macht Dich nicht zu einem besseren Menschen als mich, so wie ich kein besserer Mensch bin durch das, was ich glaube oder mache. Auf dieser Basis geht alles, aber genau diese Basis ist, und das ist meine Erfahrung, mit mindestens 8 von 10 Menschen da draußen nicht machbar. Oder ich bilde mir das nur ein und habe einfach die falschen Menschen getroffen.

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