Ich schreibe immer, das Leben ist schön, wunderschön, und genau das meine ich auch. Es ist aber nur die halbe Wahrheit. Die ganze Wahrheit ist, Leben ist das, was Du daraus machst.

Wir alle wollen lange leben, aber nicht alt werden. Wir alle wollen ein glückliches und erfülltes Leben, wissen aber nicht, was unser Leben glücklich machen würde.

Vor einigen Jahren waren Rio und ich in der Innenstadt, um Werbung für unser damaliges Webradio zu machen. Dabei waren wir auch auf dem Neusser Markt und stolperten zufällig in die große Bücherei, die es dort gibt. Wir wurden direkt am Eingang von einer Frau nach unseren Wünschen gefragt und merkten dabei, dass wir eigentlich störten. Eine Gruppe von Senioren saß in der Mitte der Bücherei im Kreis und sang gerade das Eselchen-Lied.

Dabei kamen mir Bilder in den Kopf. Auch Bilder von Keith Richards und Mick Jagger, die in den 60er Jahren, wahrscheinlich auch von genau diesen Menschen, für ihren ausschweifenden Lebenswandel bewundert oder kritisiert wurden. Drogen, Sex, Parties, Nikotin, Rock & Roll, das alles war unvostellbar weit weg und gleichzeitig für viele ein Bild von Menschen, die nicht lange zu leben hatten. Jagger und Richards stehen heute noch auf der Bühne und wollen “Satisfaction”, die Kritiker sitzen in der Bücherei und singen vom Eselchen. “I-Ah, I-Ah, I-Ah”

Ich weiß nicht, was das bessere oder glücklichere Leben für Dich ist, aber ich weiß, was es für mich sein könnte. Nein, es ist kein Leben voller Drogen und Parties, aber es ist ein Leben, in dem ich das tun werde, was ich möchte. Das hat nichts mit Selbstdarstellung zu tun, sondern damit, was mich persönlich glücklich macht. Wenn ich im REWE die Kassiererin freundlich grüße, wenn ich fremde Menschen anlächle, wenn ich auch mal lauter werde, wenn mir etwas nicht passt, wenn ich laut lache, wenn ich etwas lustig finde, dann mache ich das alles nicht, um aufzufallen. Das ist ein Nebeneffekt. Ich mache das, weil ich etwas in den letzten Jahren gelernt habe: Das Leben ist zu kurz, um nicht gelebt zu werden.

Unser Nachbar hat eine Hilfsaktion für Kinder in Kambodscha und in Afrika gegründet. Er war dort im Urlaub, hat sich mal aus seinem Hotel herausbewegt und gesehen, dass es dort Menschen gibt, die Hilfe brauchen, und hat etwas bewegt. Einfach so, ohne jemanden um Erlaubnis zu fragen, und er hat das nicht getan, um aufzufallen, sondern um glücklicher zu werden. Ja, helfen macht glücklich. Nicht jeden, aber bestimmte Menschen schon. Ich finde das klasse.

Schlimm finde ich, wenn er, wie auch ich, von Menschen angefeindet werden für das, was wir tun. Belächelt. Das sind die gleichen Menschen, die es normal finden, dass diejenigen, die einmal Firmen geleitet, Kinder großgezogen, Familien gegründet und Häuser gebaut haben, die Verantwortung in ihrem Leben hatten, heute im Stuhlkreis sitzen und Kinderlieder singen. Dass sie heute in den Altenheimen dahinvegitieren, teilweise stundenlang in ihren eigenen Ausscheidungen liegen, ist nicht normal, sorry. Ja, da müsste was getan werden. Ja, es gibt auch in Deutschland Kinder, die hungern, die vernachlässigt werden, die geschlagen werden oder schlimmeres. Und was tust Du? Schreist auch Du “Merkel muss weg” oder tust Du etwas? Du bist unglücklich? Dann mach Dich glücklicher, indem Du etwas tust.

Roland von gegenüber hat sich einen Teilbereich ausgesucht: Kinder in Ländern, in denen es nichts gibt. Nicht einmal Wasser. Wir drehen den Wasserhahn auf und es sprudelt. Wir leben in einem der reichsten Länder der Welt. Du findest, da sollte noch etwas verbessert werden? Dann maul nicht rum, sondern verbessere es. Such Dir nur einen kleinen Teilbereich raus und verbessere ihn. Es gibt viel zu tun. Zu viel, um sich maulend und schmollend in die Ecke zu setzen. Die Politik soll was tun? Was sollen die denn tun? Hilfsbereite Menschen zwangsrekrutieren? Wenn niemand im Pflegedienst arbeiten will, wo sollen diese Menschen denn dann herkommen? Das hat etwas mit der Bezahlung zu tun? Hilfsbereitschaft ist käuflich? Nein, es ist eine Lebenseinstellung. Und wer die hat, der wird bei uns gemobbt, und das nicht von der Politik, sondern von der Gesellschaft.

Meine Mutter hat ihr Leben lang gearbeitet. Gedankt hat ihr das niemand. Sie selbst auch nicht, weil sie sich nie zurückgelehnt und einfach einmal das Leben genossen hat. Dafür war zu viel zu tun. Heute liegen ihre Reste in einer Urne auf dem Neusser Hauptfriedhof und täglich fahren Tausende von Autos vorbei mit Menschen darin, die einmal das gleiche Schicksal haben werden, weil sie heute das gleiche Leben führen.

Wenn Du leben willst, dann lebe. Wenn Du lachen willst, dann lache. Wenn Du weinen willst, dann weine. Ist es nicht vollkommen egal, was der Nachbar dazu sagt? Wenn in meiner Einfahrt das Unkraut zwischen den Platten hochkommt, was solls? Unkraut ist Leben, die Platten sind tot. Wenn es jemandem nicht gefällt, dann soll er wegschauen. Wenn jemandem die Farbe meiner Wände nicht gefällt, dann soll er mich nicht besuchen.

Ich möchte nichts mehr tun, nur weil jemand mir sagt, es müsste getan werden. Ja, wenn ich einen Job habe, dann tue ich, was getan werden muss, aber das tue ich nur dann, wenn ich weiß, warum es getan werden muss. Dann bin ich Teil von etwas Großem. Das kann ich sogar bei REWE an der Kasse sein, weil niemand bei REWE auch nur einen einzigen Cent verdienen würde, würde sich nicht jemand an die Kasse setzen. Wenn bei der Lufthansa niemand die Toiletten reinigen würde, dann würde in spätestens drei Wochen niemand mehr fliegen. Und wenn sich niemand mehr um unsere Alten, Kranken und Schwachen kümmern würde, dann würde niemand mehr alt werden wollen. Aber das wollen wir ja sowieso nicht. Wir wollen nur lange leben. Und dann schauen wir weg, wenn, die, die das vor uns gemacht haben, im Stuhlkreis “I-Ah” blöken.

Ja, mein Kind ist gestorben. Ich trauere um ihn, weil er dieses Leben nicht mehr genießen kann. Dieses Leben, das wunderschön sein kann. Der Ruinengarten ist keine Seite für die Trauer und den Verlust. Es ist eine Seite für das Leben. Ein Leben, das morgen vorbei sein kann. Deshalb lasst es uns heute noch genießen. Es geht nicht um die eine Zigarette, die eine Party oder den einen One Night Stand, es geht darum, etwas zu tun, was Dich auch im Alter noch bei Laune hält. Etwas, was Dich nicht verdummen lässt. Etwas, worüber Du sagen kannst: Es war vielleicht bekloppt, aber es war tierisch spannend. Und Lächeln ist der erste Schritt.