Warum ist inzwischen die Welt zu einem Dorf geworden, der Weg zum Nachbarn aber scheinbar unüberbrückbar weit?

Seien wir ehrlich, das Internet und die sozialen Netzwerke haben die Welt verändert. Ich erinnere mich, dass ich in den 80er Jahren eine Brieffreundin aus Australien hatte. Ich weiß nicht mehr, wie es zu dieser Brieffreundschaft kam, aber ich erinnere mich, dass jeder Brief zwei Wochen gedauert hat, bis er ankam. Für mich war es toll, weil ich so mein Schul-Englisch verbessern konnte und etwas mitbekam vom anderen Ende der Welt.

Heute könnte ich mit so einer “Freundin” über das Internet quasi kostenlos telefonieren und jede Nachricht würde nur Sekunden brauchen. Auch mit Urlaubs-Bekanntschaften den Kontakt zu halten ist heute kein Problem mehr. Im Gegenteil, ich kann Menschen, denen ich noch nie im Leben begegnet bin, mein Mittagessen zeigen. “Hier, Linsensuppe, nice!” In den 80er Jahren wäre ich dafür wahrscheinlich im betreuten Wohnen gelandet.

Ich weiß heute schon nach Sekunden, was der Präsident der USA wieder von sich gegeben hat, ob Meghan Markle schwanger ist (und von wem) und ich kann live bei Darmspiegelungen irgendwelcher Pseudo-Prominenten dabei sein. Wenn der bedeutungslose Sänger einer ehemaligen Pop-Gruppe in Australien eine Made frisst, dann sehe ich das, und wenn er sich nachher übergibt, dann bin ich auch live dabei.

Dank Internet brauche ich auch keine Zeitungen mehr, weil in den Zeitungen sowieso nur das steht, was ich gestern im Netz schon gesehen habe. Ich brauche mir auch über das, was ich da sehe, keine Gedanken mehr zu machen, weil ich die passende Meinung auch sofort mitgeliefert bekomme. Die passende Meinung muss auch nicht unbedingt die richtige sein, sie muss nicht einmal durchdacht sein, sie muss einfach nur noch gesellschaftsfähig sein. Es muss die Meinung sein, auf der ich bei einer Party unter meinesgleichen nicht anecke und weiterhin was zu trinken bekomme, das reicht.

Das Dumme ist sowieso dieser zwischenmenschliche Kontakt. Die Musik der 80er war toll, aber was wir da sonst noch so getrieben haben, das war schlimm. Wir haben uns unterhalten und diskutiert … igitt. Ich musste nicht nur eine Meinung haben, sondern ich musste sie auch noch vertreten und, was viel schlimmer ist, begründen. Dann kam vielleicht jemand, der besser informiert war als ich, und ich saß mit meiner Meinung auf dem Trockenen. Blöd war das.

Heute sucht man sich ein Lager aus, egal, um was es geht, und weiß sofort, dass man auch genug Anhänger zusammenbekommt. Egal, ob es um Religion, Politik, Schulen, Schwule, Fleisch, Zigaretten, Asylbewerber oder Rentner geht, es gibt scheinbar nur noch Extreme, die nicht mehr miteinander reden, sondern höchstens noch übereinander. Und Diskussionen, sei es im Netz oder im Fernsehen, verkommen zu Schlachten, in denen es für jeden nur noch zwei Meinungen gibt: Die eigene und die falsche.

Jeder kann mit seiner Meinung Hunderte von Quellen nennen, in denen genau das erzählt wird, was er selbst wie ein behindertes Schaf lautstark nachblökt, und jeder hat Recht. Wir starren dabei stumpf auf unsere Smartphones, auf denen wir sowieso nur noch das installiert und abonniert haben, was unser kleines Weltbild nicht zerstört und unseren eigenen, engen Tellerrand nicht verlässt. Und zwischendurch gibt es Bilder von Linsensuppe. Nice!

Dass vielleicht nebenan jemand mit der Geschwindigkeit, mit der wir unsere Gesellschaft vor die Wand fahren, nicht mehr klarkommt, ist dabei egal. Dass für unser Schnitzel ein Schwein geschlachtet wurde, das wissen wir zwar, aber wenn im Fernsehen ein Schlachthof gezeigt wird, dann schalten wir ab. Dass jetzt beschlossen wurde, weiterhin Ferkel ohne Betäubung zu kastrieren, das interessiert uns nicht, weil schließlich Maaßen und Seehofer wieder dumme Sprüche geklopft haben, und das ist wichtiger. Es geht hier nicht um Pläne, um Visionen oder darum, wie wir gemeinsam glücklich leben möchten, es geht nur noch um Köpfe und Nasen. Glück und Freiheit sind, das wissen wir schließlich aus der Werbung, barrierefreie Handyverträge, ansonsten läuft man gegen eine Wand.

Früher wusste man noch, bei wem man sich am Sonntagabend ein Pfund Mehl leihen konnte, wenn man es brauchte. Heute gibt es teilweise nur noch 500 Freunde auf Facebook mit Fotos von Mehl und die nachtoffene Tanke um die Ecke. Heute gibt es Chat-Räume mit lauter Unbekannten, wo man nichts Schöneres tun kann als eine virtuelle Kanne Kaffee auf den virtuellen Chat-Tisch zu stellen und sich dann am dummen Gelaber über Gott, die Welt und die AfD zu beteiligen, bei dem jedem sofort klar wird, wer sich auf welche Seite geschlagen hat.

Nebenan wohnt vielleicht ein Kind, dessen Eltern keine Zeit mehr haben, mit ihm Federball zu spielen oder einen Drachen zu bauen und steigen zu lassen. Nebenan wohnt vielleicht ein Rentner, der gerade seine Frau verloren hat und der jetzt niemanden mehr zum Reden hat. Nebenan wohnt vielleicht auch ein Vater, der vor Kurzem seinen einzigen Sohn zu Grabe getragen hat und der jetzt verzweifelt ist. Ist das nicht wichtiger als die Flüchtlingsfrage, Donald Trump und die SPD zusammen?

Ich denke ja.

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