Herbst, Winter, Weihnachten

Jetzt ist wohl endgültig Herbst. Der Herbst ist die Zeit, in der ich mich abends wieder in die Decke einmummeln und bei einer heißen Tasse Tee meine Lieblingsserien schauen kann – zumindest war das bis vor zwei Jahren so. Nichts ist wohl mehr so, wie es war.

Jetzt sitze ich zumeist abends am Telefon oder am PC und telefoniere mit Menschen, denen es nicht gut geht oder die mich darüber informieren, dass es anderen Menschen nicht gut geht. Das passiert auch, und damit hätte ich nicht gerechnet: Ich werde angerufen, weil sich andere nicht trauen, Betroffene in ihrer Nachbarschaft, ihrem Freundeskreis oder sogar in der eigenen Familie anzusprechen. Ich mache das gern, weil ich es mag, Menschen zu helfen, aber etwas seltsam finde ich es doch.

Dabei ist es eigentlich nicht schwer, zuzugeben, dass man selbst keine Worte findet. Aber statt zu sagen, dass man nicht weiß, was man sagen soll, sagen die meisten lieber nichts. Die Straßenseite zu wechseln, wenn man jemanden sieht, der seinen Partner oder sein Kind verloren hat, empfand ich bis vor einiger Zeit als seltsam. Heute weiß ich aus zahlreichen Gesprächen, es ist üblich. Es ist trauriger Alltag.

Wir gehen jetzt schon mit Riesenschritten auf das schlimmste Fest zu, das Menschen mit Trauer durchleben müssen: Weihnachten. Für viele, die geliebte Menschen verloren haben, ist Weihnachten der reine Horror. Und jetzt, Ende Oktober, stehen sie seit über einem Monat schon wieder in der Regalen, die Lebkuchen, Dominosteine, Spekulatius und Printen.

Abgesehen davon, dass es scheinbar jedes Jahr früher wird, ist es bis Weihnachten noch mehr als drei Monate hin. Aber Weihnachten ist, neben runden Geburtstagen, ein typisches Familienfest. Auch für mich war Weihnachten immer toll, und Lucas hatte auch noch am zweiten Weihnachtsfeiertag, also am 26. Dezember, Geburtstag. In diesem Jahr wäre er 20 Jahre alt geworden.

Ist es herzlos, dass ich im März zum letzten Mal auf dem Friedhof war? Ich weiß, seine Mutter kümmert sich um das Grab, und ich habe das Grab auch so gestalten lassen, dass es kaum Arbeit macht, aber ich persönlich fühle mich ihm nicht nah, wenn ich auf dem Friedhof bin. Ich fühle mich ihm hier zu Hause nah, wenn ich seine Tasse im Schrank sehe, wenn ich die Bilder von ihm sehe oder sogar, wenn ich einen Film sehe, der ihm gefallen hätte.

Der Herbst ist grau, wie der Winter. Es wird nicht richtig hell draußen, es ist kalt und ungemütlich, und allein für die Fahrt mit dem Rad zum Supermarkt oder zum Metzger brauche ich schon einen Anlauf. Trotzdem gehört diese Zeit für mich zum Jahr dazu. Ich habe mir oft Gedanken gemacht, wie es wäre, alles hier hinter mir zu lassen und auszuwandern. Aber so sehr ich den Herbst auch verabscheue, er würde mir wahrscheinlich trotzdem fehlen.

Letztes Jahr waren die Weihnachtstage dank Rio nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte. Trotz der Leere und dem Schmerz im Inneren habe ich mich aufgerafft, alles weihnachtlich zu schmücken, und die Weihnachtstage selbst waren trotzdem irgendwie schön. Rio schaffte es, mich ständig zu beschäftigen, so dass ich mich nicht mit der Trauer und dem Verlust beschäftigen musste.

Aber nicht jeder hat eine so tolle Partnerin wie ich, das ist mir klar. Es tut mir weh, mir vorzustellen, wie viele Menschen es dort draußen gibt, die Heiligabend allein vor ihrem Teller sitzen. Deshalb hier noch einmal mein Appell: Wenn Ihr solche Menschen kennt, bei denen sich im vergangenen Jahr das gesamte Leben auf den Kopf gestellt hat, dann ladet sie ein. Auch trauernde Menschen sind nicht schlimm, auch sie können lachen, erzählen und sich freuen. Holt sie aus der Lethargie und feiert mit ihnen.

Und für die, die dieses Jahr zum ersten Mal allein sind: Erinnern Sie sich, wie schön die Weihnachten in der Vergangenheit waren und feiern Sie sie genauso, wie Sie sie in Erinnerung haben, weiter. Genau das sind Sie denen, die gehen mussten, schuldig. Die Verstorbenen können Weihnachten nicht mehr feiern, also ist es nun Ihre Aufgabe, das für sie zu tun, mit ihnen im Herzen. Wenn Sie Ihren Partner oder Ihr Kind im Herzen haben, dass lassen Sie bitte dort die Sonne scheinen.

Ich weiß selbst, wie schwierig das ist, aber denken Sie daran, dass es immer Licht gibt. Manchmal sieht man es nur einfach nicht, aber es ist da. So sahen es auch alle, die vor uns gehen mussten.

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