Wer schon einmal eine “typische” Beerdigung besucht hat, wird das Szenario kennen, das ich hier beschreibe. Aber was ist wirklich “Beileid”?

Es war eine Beerdigung wie jede andere. Alle waren sie gekommen, die gesamte Nachbarschaft, Freunde, Bekannte und die, die immer dabei sind. Nachdem der Sarg in die Erde gelassen worden war, stellten sich alle in einer Reihe auf und kondulierten. Wie selbstverständlich warteten sie da, schön gesittet und einer nach dem anderen. Die Ehefrau und die Kinder standen im Regen und ließen wie in Trance jeden Händedruck und jedes “Mein Beileid” über sich ergehen. Dann ging es in die Gaststätte, es gab ja schließlich Frühstück. Die Gäste kamen herein, es gab ein herzliches “Das ist aber schön gemacht!” aus allen Ecken, und es wurde über den letzten Urlaub, das vergangene Straßenfest und die neue Freundin des einzigen Nachbarn diskutiert, der nicht zu dieser “Feier” erschienen war. Brötchen, Mett, Wurst, Käse und Kaffee waren lecker.

Das ist Tradition, und dafür hatte man schließlich auch in der Nachbarschaft gesammelt. Die Familie des Verstorbenen am Ecktisch wurde bei der Verabschiedung noch schnell gedrückt oder es wurden wieder Hände geschüttelt, es gab ein weiteres “Mein Beileid” und dann ging es nach Hause, wo Bügelwäsche oder das zu kochende Mittagessen warteten.

Später hieß es dann, das war eine schöne Beerdigung. So hätte es sich der Dieter gewünscht. Auch der Pfarrer hatte so schön geredet, und das Mett, da hatte sich die Familie nicht lumpen lassen. Die Pflicht war erfüllt, und das gehört sich so.

Was ist Beileid? Was unterscheidet Beileid von Mitleid? Ist das, was hier passiert, wirklich Beileid? Die, die es wirklich betrifft, die wirklich jemanden verloren haben, die wissen, dass für die Familie des Verstorbenen jetzt das große Loch kommt. Die Pflicht ist erfüllt, und für uns und alle anderen geht das Leben weiter. Ein “Mein Beileid” soll der Witwe und den Kindern helfen, die nächste Zeit zu überstehen? Und ist es den meisten nicht herzlich egal, ob und wie die Familie die Zeit übersteht? 20 Euro für Kranz und Frühstück, das ist ja schließlich schon was. Man will ja nicht als geizig dastehen.

Diese Zeit ist geprägt von Geschwindigkeit und Wachstum. Wir wollen immer schleller, höher, weiter, und wer da vom Schlitten fällt, wer nicht mithalten kann, wer stehen bleibt, weil er keine Luft mehr bekommt, der wird einsam zurückgelassen oder sogar überrollt. Es gibt immer das schnellere Handy, den schöneren Job, das dickere Auto, den längeren Urlaub. Wir haben Tausende von Möglichkeiten, uns mit anderen Menschen auszutauschen, aber wir haben keine Zeit mehr dafür. Ob nebenan jemand nicht mehr weiterkommt, das ist uninteressant, denn am Ende ist er auch nur Konkurrenz im Rennen des Lebens.

Dann lassen wir uns neue Krankheiten einfallen wie “Burnout”. Das gab es schon früher, nannte sich aber “Beginnende Depression”, und wer darunter litt und sich Hilfe suchte, der galt als “bekloppt”. Heute gibt es dagegen Medikamente, die schneller und effektiver helfen. Ein Tinitus war früher ein Zeichen, einfach einmal kürzer zu treten. Mit solchen Symptomen will uns unser Körper sagen, dass etwas nicht stimmt. Heute sagt uns schon die Werbung, dass wir diese Symptome gut behandeln können, um dann mit Vollgas zum Herzinfarkt, zur Hirnschlag oder in die Depression zu rasen. Entschuldigung, ich meine natürlich den “Burnout”.

Interessieren wir uns wirklich nicht mehr für unsere Umwelt? Was hat uns den Sinn dafür genommen, einfach einmal anderen Menschen zu helfen, ohne dafür eine Gegenleistung zu verlangen?

Ich komme viel herum, und neulich traf ich in einer Kneipe auf eine Frau, die mich wegen des Ruinengarten Projektes fast schon anschrie. “Sehen Sie, ich habe meinen Mann verloren, ich habe meine Brüder verloren, und ich bin damit allein fertig geworden. Das sollen andere gefälligst auch.”, sagte sie in schrillem Ton. “Wenn ich jemanden zum Reden brauche, dann komme ich hierher und rede mit dem Wirt. Oder, Olli?” Sie saß allein vor einer Tasse Kaffee, und der angesprochene Wirt sah mich daraufhin an wie ein geprügelter Hund und nickte pflichtbewusst.

In diesem Moment wusste ich, dass diese Frau vom “klarkommen” so weit entfernt war wie ich von einem Weißkopf-Seeadler. Aber sie wollte nicht, dass anderen Menschen mehr geholfen wird als ihr geholfen wurde. Wer sich nicht helfen lässt, wird auch nicht helfen können. Und wem nicht geholfen wird, der hält das irgendwann für normal. Ich hätte diskutieren können, tat es aber nicht, weil ich wusste, dass jede Diskussion von ihrer Seite in einem Streit geendet hätte.

Genau das ist die Generation, die wir gerade im Stich lassen und so heranziehen. Empathie wird zur Mangelware. Wir bringen unseren Kindern bei, wie sie zu funktionieren haben, wir lehren sie Egoismus und den Wert des Geldes, und nehmen ihnen damit das wirkliche Leben. Wenn andere nicht hilfsbereit sind, darfst Du es auch nicht sein. Wenn andere immer schneller rennen, musst Du es auch.

Und dann werden die, die vielleicht noch helfen könnten, zum Sterben in Heime abgeschoben. Die, die Geschichten haben, die schon einmal ihren Partner, ein Kind oder einen guten Freund verloren haben, die schieben wir auf das Abstellgleis, weil die für unsere Gesellschaft und unser Wachstum ja angeblich nichts mehr leisten können. Wir nehmen es hin, dass der, der sich um unser Geld kümmert, 10.000 Euro monatlich verdient, aber der, der sich um unsere Mutter kümmert, nur 1.000 Euro. Ja, da müsste man was machen … und was machst Du?

Ich habe ehrlich die Nase voll davon, dass immer andere den “Schwarzen Peter” bekommen. Es muss etwas passieren. Aber das passiert nicht, wenn wir alle immer schneller rennen in eine Richtung, von der wir alle wissen, dass da der Abgrund kommt, und niemand bleibt stehen und prüft einmal, ob es auch anders geht. Ich mache etwas. Ob das etwas ändert? Für den Einzelnen vielleicht schon. Wenn jeder Einzelne von uns versucht, für jemand Anderen den Tag ein wenig schöner zu machen, dann ist schon viel getan. Wenn wir aber immer sagen, dass wir nichts Großes ändern können, und deshalb einfach nichts tun, dann ändert sich nichts.

Der schweizer Pfarrer und Schriftsteller Kurt Marti sagte einmal: “Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und niemand ginge, um einmal zu schauen, wohin man käme, wenn man ginge.” Das ist ein schönes Zitat. Vielleicht sollten wir darüber nachdenken, bevor jemand an unseren Gräbern steht uns einfach teilnahmslos “Mein Beileid” murmelt. Wenn wir Pech haben, ist es unser ungelebtes Leben.

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