Besonders in der älteren Generation wird sehr gerne und ausgiebig über Krankheiten geredet.Zumindest habe ich diese Erfahrung gemacht, und das nicht nur in Wartezimmern diverser Ärzte. Doch der Tod ist selten ein Thema.

Manchmal ist es mir schon vorgekommen wie ein Wetteifern, wer die schlimmere, quälendere oder aussichtslosere Krankheit hat.

Wenn es aber um den Tod geht, werden die meisten still. Der Tod ist immer noch ein Tabu-Thema, obwohl das Leben für jeden von uns unweigerlich mit dem Tod endet. Das macht den Tod zu etwas Endgültigem, das man nicht gern an sich heranlässt. Trotzdem passiert er, immer wieder und überall um uns herum.

Wir leben in einer Zeit, in der scheinbar niemand mehr gesund ist, in der sich aber mutmaßlich jedes Leiden besiegen lässt. Ein Blick in die Supermarktregale zeigt, dass dort, wo früher Lebensmittel standen, heute immer mehr Füllstoffe mit integrierten Medikamenten Einzug halten. Kaum ein Regal kommt aus ohne Nahrungsmittel für Allergiker, ohne Laktose, ohne Gluten, mit zugesetzten Vitaminen oder zur Senkung des Cholesterinspiegels. Laktose-Intoleranz oder Gluten-Unverträglichkeit waren von einigen Jahren noch relativ unbekannt, und es waren auch keine Themen. Heute ist scheinbar jeder zweite betroffen. Auch das Angebot von Bonbons oder Säften mit zugesetztem Vitamin C gibt es nicht, weil der Skorbut wieder in Deutschland grassiert, sondern weil sich damit sehr günstig viel Geld verdienen lässt. Das Altern lässt sich inzwischen angeblich mit Tausenden Mitteln sowohl innerlich wie optisch bekämpfen. Fakt ist aber, dass wir alle sterben werden, irgendwann, die einen früher, die anderen vielleicht später. Ob wir das gesünder tun, spielt dann wohl eher eine untergeordnete Rolle. Wollen wir wirklich darüber nachdenken, wie viele Rentner gesund überfahren werden, während sie mit ihren Nordic Walking Stöcken eine Bundesstraße überqueren wollen?

Seien wir ehrlich: Es gibt Themen, über die wir nicht reden wollen, weil wir darüber nicht nachdenken wollen. Wenn wir uns ein Schnitzel in die Pfanne hauen, denken wir auch in der Regel nicht darüber nach, dass ein Schwein dafür geschlachtet wurde. So ist es auch, wenn wir hören, dass in der Nachbarschaft ein Kind, ein Ehepartner oder ein Elternteil gestorben ist. Wir gehen vielleicht auf die Beerdigung, wir kondolieren, wir reden über diese Familie, aber in der Regel so, dass wir nicht darüber nachdenken müssen, wie es jetzt dieser Familie geht, denn das würde bedeuten, dass wir uns in sie hineinversetzen müssten. Das nennt sich Empathie. Aber welcher Mensch, der selbst Kinder hat, möchte über den Tod eines Kindes nachdenken? Welcher Mensch, der selbst ein fantastisches Verhältnis zu seinem Partner oder seinen Eltern hat, möchte über den Tod derselben nachdenken? Ein Gedanke, der weh tut.

Ich erinnere mich, als Lucas im Sterben lag, mit einer Bekannten über das Thema gesprochen zu haben. Zu dieser Zeit war Lucas noch auf der Palliativstation in der Uniklinik Düsseldorf, aber es war schon abzusehen, dass er sterben würde. Ihre zweite Frage an mich, nachdem ich sie informiert hatte, war: “Du, sag mal, ist Deine Freundin eigentlich viel jünger als Du?” Nein, den Tod lassen wir nicht gern an uns heran.

Als ich Lucas dann nach Hause geholt hatte, habe ich das noch drastischer erkannt. Wenn ich mir in unserer Küche, sie liegt zur Straße hin, einen Kaffee oder ein Brot machte, konnte ich hören, wie auf der Straße über Lucas und über mich geredet wurde. Wenn ich aber auf die Straße kam, sei es, um einkaufen zu gehen oder nur, um die Abfalltonne herauszubringen, schlossen sich die Türen.

Für mich als Betroffenen waren solche Erlebnisse wie ein Schlag ins Gesicht, und es hat lange gedauert, bis ich begriffen habe, dass es diese Menschen nicht so böse meinten, wie es für mich schien. Menschen reden gern, sie diskutieren und streiten auch gern, aber der Tod ist etwas, über das, zumindest außerhalb der Kirche, nicht geredet werden soll. Und selbst in der Kirche wird selten über das Sterben und den Tod geredet, sondern nur, in blumigen Worten, über das Leben danach.

Auch ich bin fest davon überzeugt, dass mit dem Tod nicht alles zu Ende ist, obwohl ich keiner Kirche angehöre. Ich bin sicher, dass diese Energie, die unsere Zellen dazu bringt, sich immer wieder zu erneuern, Auto zu fahren und bei Facebook Katzenfotos zu teilen, nicht einfach so verloren geht. Ich glaube daran, Lucas irgendwann wiederzusehen.

Das Dumme ist nur, wir alle wissen es nicht. Wir wissen nicht, was unsere “Seele” wirklich ist und was damit passiert, wenn unser Körper nicht mehr funktioniert. Wir können glauben, wir können uns in unserem Glauben auch mit anderen zusammentun, die das Gleiche oder etwas Ähnliches glauben, aber wissen tun wir es nicht. Trotzdem gehört der Tod, als letzter Akt, unweigerlich zum Leben dazu.

Auf der Palliativstation habe ich mich mit vielen Menschen unterhalten, und dabei ist mir eines aufgefallen: Der Tod kommt immer zu früh. Ob jemand nun 6, 36 oder 96 Jahre alt ist, der Tod kommt immer zu früh und meistens unerwartet. Selbst Menschen, die im wahrsten Sinne des Wortes lebensmüde sind, wünschen sich eigentlich nur ein anderes Leben als das, das sie führen. Vielleicht ist es gerade das, was uns Angst macht.

Mir macht der Tod keine Angst, und auch Lucas hatte keine Angst vor dem Tod. Er hatte Angst vor einem qualvollen Sterben, und das habe ich auch. Das hat jeder. Wer Angst vor dem Tod hat, der hat zumeist ein Leben gelebt, bei dem er Angst haben muss, dass danach vielleicht wirklich eine Abrechnung kommt.

Es gibt auch die Angst, vor dem Tod nicht genug gelebt zu haben. Auf einer Friedhofsmauer habe ich einmal ein Graffiti gesehen: “Gibt es ein Leben vor dem Tod?” Wenn ich an meine Mutter denke, die sich in ihrem Leben so viel versagt hat und die so viel auf später verschoben hat, dann macht mich das traurig. Ich weiß noch, wie ich mit meiner Mutter in genau diesem Wohnzimmer, in dem ich jetzt sitze, beim Kaffee darüber geredet habe, ob sie im nächsten Jahr neben Kartoffeln wieder Grünkohl anpflanzen wollte. Einen Tag später zur selben Uhrzeit war sie tot. Ich erinnere mich, dass Adi, ihr Freund, früher im gleichen Jahr gestorben ist, ohne dass er auch nur einmal seinen Traum, das Miniatur-Wunderland in Hamburg zu sehen, verwirklichen konnte, obwohl er mehrere Dutzend Male quasi daran vorbeigefahren ist.

Wir verschieben, wir träumen, wir stellen uns vor, was wir später einmal tun, wenn die Zeit reif dafür ist, aber wir haben Angst, dass es dieses “später” nicht geben könnte. Und wenn wir anfangen, über den Tod zu reden, dann müssen wir auch anfangen, über unser Leben zu reden, und das ist es, was uns Angst macht. Die Medizin ist inzwischen auf einem Stand, dass die meisten von uns nicht mehr qualvoll sterben müssen. Was uns Angst macht, ist die Endlichkeit des Lebens.

Vielleicht gibt es danach eine Abrechnung. Vielleicht stehen wir vor einem Schöpfer, der uns nach unserem Tod in die Augen sieht und fragt: “Was hast Du aus Deinem Leben gemacht? Ich habe Dir zwei Hände gegeben, zwei Beine, zwei Augen und Ohren und eine Stimme. Was hast Du daraus gemacht? Schau her, es gibt andere, denen habe ich nur ein Bein gegeben, nur einen Arm oder keine Augen, und die waren mit ihrem Leben glücklicher als Du. Denen waren ihre Mitmenschen wichtiger als Geld, denen war ein sterbendes Kind wichtiger als ihr Motorrad, denen war Mitmenschlichkeit wichtiger als die Lebensversicherung, und die waren glücklich. Du bist gestorben mit viel Geld auf dem Konto, zwei Kindern, die Du eigentlich nicht kennst und einer Frau, die auch, als Du noch lebtest, in ihrer Einsamkeit gefangen war. Warst Du glücklich? Was hast Du aus dem gemacht, was ich Dir als Leben gegeben habe?”

Ich nehme es den Menschen, die sich abgewandt haben, nicht mehr übel. Der Tod ist etwas, das wir alle noch vor uns haben. Die, die es betrifft, sei es für sich selbst oder für einen geliebten Menschen, die wissen, was ich meine. Ich will mich aber nicht mehr abwenden, und ich bin mir auch heute nicht mehr sicher, ob ich mich nicht früher selbst das eine oder andere Mal stumm umgedreht habe. Heute weiß ich, es war falsch. Aber ich verstehe es, oder besser gesagt, ich akzeptiere und respektiere es.

Der Ruinengarten beschäftigt sich auch mit dem Tod und mit dem Sterben, aber in erster Linie geht es um das Leben. Das ist auch der Grund, warum diese Seite nicht grau ist, sondern farbig. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich möchte nur, wenn es soweit ist, sagen können:

“Ich habe gelebt.”

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