Eigentlich sollte diese Woche die Schuld das Thema der Woche werden. Nach mehreren Ansätzen und inzwischen Hunderten von Gesprächen gibt es aber ein Thema, das durchaus wichtiger ist als das, und auf dem viele andere Themen basieren: Selbstbewusstsein.

Selbstbewusstsein wird oft mit Eigenliebe verwechselt, und dabei ist das eine das Ziel, das andere ist der Weg dorthin.

Nehmen wir zum Start einfach einmal das Wort: Selbstbewusstsein. Viele Menschen betrachten allein die als selbstbewusst, die es im Leben “zu etwas gebracht” haben, also die Reichen und Berühmten. Das ist falsch. Selbstbewusstsein bedeutet, sich selbst bewusst zu sein, also zu wissen, zu erkennen und zu erfahren, wer man ist und was man kann.

Es gibt in jeder Bücherei ganze Regalwände zum Thema Selbstbewusstsein, und fast alle haben die gleiche Moral: Ändere Dich. Wenn Männer gern wie George Clooney wären und Frauen gern wie Eva Longoria, dann hat das nichts mit dem Aufbau von Selbstbewusstsein zu tun, im Gegenteil. Es hat damit zu tun, sich selbst nicht zu mögen und sich in seinem eigenen Körper nicht wohl zu fühlen.

Der erste Schritt zu einem glücklichen Leben ist es nicht, andere Menschen in Aussehen oder Wesen zu kopieren. Das kann auch nicht funktionieren, weil wir alle einzigartig und individuell sind, und genau das ist fantastisch. Wo kämen wir hin, wenn jeder Mensch gut aussehen und fantastisch schauspielern könnte, aber niemand mehr in der Lage wäre, ein Auto zu reparieren oder ein Haus zu bauen?

Selbstbewusstsein heißt, sich selbst zu erkennen. Was kann ich, was kann ich nicht, und was möchte ich, vollkommen unabhängig von den Zielen anderer Menschen? Warum gibt es im Netz inzwischen ein Heer von selbsternannten “Influencern”, die nichts anderes tun als das, was vor den Zeiten des Internet schon Werbeblättchen und der Otto-Katalog taten? Warum schauen sich Tausende von Menschen freiwillig billige Kopien von HSE und QVC im Internet an von angeblich schönen Menschen, die nichts anderes tun als ihre Einkäufe oder Geschenke zu präsentieren?

Warum träumen viele Mädchen davon, selbst einen “erfolgreichen” Blog oder Vlog wie Bibi und Co im Internet aufzubauen und damit erfolgreich zu sein?

Es gibt dafür nur einen Grund: Sie kennen sich selbst nicht. Sie sind sich fremd, und was fremd ist, lehnen viele Menschen leider zuerst einmal ab. Selbstbewusstsein bedeutet nicht, sich selbst zu lieben, aber es bedeutet, sich selbst kennenzulernen. Und was auf diesem Weg passiert, das ist für viele Menschen erstaunlich. Ich möchte behaupten, dass jeder in der Lage ist, sich zu lieben, wenn er sich erst einmal kennt.

Was wolltest Du als Kind gern werden? Astronaut? Feuerwehrmann? Lehrer? Zugführer? Die Frage ist, warum wolltest Du genau das werden? Weil Du den Beruf damals noch nicht kanntest? Oder weil Du im Grunde Deines Herzens nach etwas in Deinem Leben gesucht hast, was bedeutender war als der Beruf selbst? Was war das? Abenteuer? Spannung? Die Herausforderung, etwas zu entwickeln und zu erschaffen? Oder hast Du da schon gewusst, wie viel Freude es machen kann, anderen Menschen zu helfen?

Warum bist Du das nicht geworden? Bei vielen kommt die Antwort, dass die Anforderungen zu hoch waren, aber seien wir ehrlich, es lag an etwas vollkommen anderem. Es lag daran, dass die Welt um uns herum uns ihren Stempel aufgedrückt hat. Da waren die Eltern, die wollten, dass wir es einmal “besser haben”, da waren die Lehrer, die es nicht schafften, spannende Themen auch spannend zu präsentieren, und da war der Freundeskreis, in den wir uns eingepasst haben, indem wir unsere Rolle suchten und spielten.

Ein 50-Jähriger, der sich unvermutet von seiner Frau trennt, der plötzlich anfängt, Playstation zu spielen und Lego-Modelle zu bauen, der sich eine Harley und eine Lederjacke kauft und seinen Beruf hinterfragt, dem wird von seiner Umwelt gern eine Midlife-Crisis unterstellt. Aber was ist das? Wer einfach vor sin hin lebt, sich ohne zu zögern einfach immer wieder beugt, sich ständig selbst zurücknimmt und sich immer um nur andere und nie um sich selbst bemüht, der sich von anderen sein Leben bestimmen lässt, der erkennt vielleicht irgendwann, dass genau dieses Leben ihn an Orte gespült hat, an denen er nie sein wollte.

Das Leben ist kurz, auch wenn man nicht mit 18 Jahren an einem Hirntumor stirbt. Die Routine sorgt dafür, dass die Tage, die Monate und die Jahre immer kürzer werden, dass die Zeit immer schneller dahinfliegt, und wir stehen da und glauben, genau das wäre normal. Und dann kommt irgendwann der Punkt, an dem man merkt, dass etwas vollkommen schief gelaufen ist. Wenn man dann etwas ändern möchte, dann hat man für seine Umwelt eine “Krise”. Auch das ist verständlich, weil niemand gerne hört, dass es auch anders ginge, wenn man es wollte.

Es gibt ein tolles Zitat von Kurt Marti: “Wo kämen wir hin, wenn jeder sagte, wo kämen wir hin und keiner ginge, um zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen.” Genau das ist der Ort, an dem viele Menschen heute, jeder für sich, in ihrem Leben sind. Und das ist traurig.

Eine so genannte Midlife-Crisis ist nichts anderes als der letzte Vorstoß eines Selbstbewusstseins und des inneren Kindes in jedem von uns, das von Beginn an von der Umwelt unterdrückt wurde und sich noch einmal aufbäumt, um sich dann in eine Ecke zu legen und zu weinen. Der Mensch lebt weiter, aber auf seinem Grab könnten später die Worte stehen: “Er lebte still und unscheinbar. Er starb, weil es so üblich war.”

Wer kennt nicht das Lied von Udo Jürgens “Ich war noch niemals in New York”? Es geht in diesem Lied um genau dieses Thema, die Krise in der Mitte des Lebens. Der Moment, in dem ein Mensch erkennt, dass sein Leben in falschen Bahnen gelaufen ist und ihn an einen schrecklichen, langweiligen, fremden und dunklen Ort verschlagen hat, zu Menschen, die ihm schrecklich vertraut und gleichzeitig schrecklich fremd sind. In ein Leben, das nicht seines ist, aber in dem er sich in einer Ecke mehr schlecht als recht ärmlich und erbärmlich eingerichtet hat. Man bleibt aus Bequemlichkeit, weil alles andere zu hektisch wäre, aber es gibt da noch das Kind in einem Menschen, das er zwar immer töten wollte, das aber nie ganz stirbt. Es sitzt in der Ecke und weint, aber man lernt, mit dem Schluchzen zu leben.

Ja, es gibt auch Verantwortung, Wir kesseln uns ein, wir lernen, nie wirklich aufzuwachen, um die Menschen um uns herum nicht zu enttäuschen. Aber genau das tun wir, wir enttäuschen sie, an jedem verdammten Tag, weil wir tief in unserem Inneren mit dem Gedanken fremdgehen, wie schön es wäre, wären sie nicht da. Wir spielen, so gut es eben geht, unsere Rolle, schauen neidisch auf andere, die im Grunde das Gleiche tun, und dann bringen wir unseren Kindern bei, dass genau dieser innere Tod vor dem wirklichen Ableben vollkommen normal und die höchste Glückseeligkeit wäre. Wir wissen, es stimmt nicht, aber so fallen wir nicht auf, auch nicht durch unseren neidvollen Blick auf die, die auffallen.

Genau das ist es, was uns, wenn wir noch klein sind, die vielen “Erwachsenen” mit ihrem “Ich will, dass Du es mal besser hast” sagen wollen. Sie verwechseln nur Glück mit Geld. Sie verwechseln Leben mit Haben. Sie wissen nicht, wie Leben geht, und dann machen sie den Fernseher oder den Computer an und sehen auf RTL oder auf YouTube Menschen, denen es angeblich besser geht, weil sie zwar ganz offensichtlich strunzdumm sind, aber Geld, Macht und Ansehen haben. Menschen mit künstlich gebasteltem Selbstvertrauen, die hohle Phrasen in eine Kamera blöken und sich nicht so dumm dabei vorkommen, wie sie es eigentlich sollten. Und das werden dann Vorbilder, Wünsche und Träume. Influencer.

Ja, es gibt Menschen, die haben einfach in ihrem Leben manchmal Glück. Die sind zum vermeintlich richtigen Zeitpunkt am scheinbar richtigen Ort. Bei knapp 8 Milliarden Menschen ist das auch vollkommen natürlich. Die bekommen dann die Rolle in der Fernsehserie, die ihnen zum “ersehnten” Durchbruch verhilft, die treffen Karl Lagerfeld in einem schwachen Moment oder die sagen rein zufällig in einem YouTube Video den einen Satz, der sich wie ein Virus verbreitet und sie bekannt macht. Genau wegen ihnen gibt es dann Menschen, die legen es darauf an, die einfach Bestehendes kopieren wollen. Das hat mit Selbstbewusstsein so viel zu tum wie ein Rabe mit einem Schreibtisch, aber das ist ihnen egal, weil das Gras jenseits des Zaunes ja angeblich viel grüner ist. Das Leben der Anderen ist schöner, besser, bunter.

Ich habe Respekt vor jedem Menschen, aber meine volle Anerkennung gilt nicht denen, die einfach mal Glück hatten. Sie gilt auch nicht denen, die aus der Berechnung heraus etwas getan haben, um bekannt und “geliebt” zu werden. Ich habe deshalb auch weder Anerkennung noch Bedauern oder Mitleid mit Menschen wie den Wollnys, den Geissens, den Ludolfs oder den Clooneys dieser Welt, weil ich einerseits deren Leben niemals führen möchte, andererseits aber auch weiß, dass sie im Grunde auch nur eine Rolle spielen. Egal, ob sie Geld haben, sie können ihr Leben nicht mehr leben. Sie wurden zum Abziehbild und zur Schablone, zum Wunschbild für die da draußen, bei denen der Zufall nicht nachhalf und die nie gelernt haben, ihren eigenen Schatten zu mögen.

Diese Menschen, die wir so beneiden, haben ein viel schlimmeres Leben als wir “Normalos”. Sie können kein eigenes Selbstbewusstsein entwickeln, weil sie, getrieben durch die Medien und ihre Bewunderer, sich selbst nicht auf die Probe stellen und erfahren können. Sie spielen eine Rolle, und sie müssen sie spielen, für uns und gegen uns. Was wäre, wenn Kinder bereits im Kindergarten beigebracht bekämen, ihre Rolle in der Welt zu finden, indem sie alles zunächst hinterfragen? Was wäre, wenn Kinder so erzogen würden, dass sie beim ersten “Ich will, dass Du es mal besser hast” mit ihren Eltern ausdiskutieren wollten, was in deren Leben denn nicht stimmt? Könnten wir dann allen Ernstes noch mit Werbung von Auxmoney oder Check24 im Fernsehen oder durch bewussten Betrug beim Autokauf so offen verarscht werden, ohne dass ein gewaltiger Aufschrei der Empörung durch unser Land ginge?

Wo blieben die Bibis, Bohlens und Geissens dieser Welt, wenn wir uns plötzlich über uns selbst bewusst würden? Selbstvertrauen und Selbstliebe ist ein Resultat aus dem Selbstbewusstsein. Es gibt Menschen, die Selbstvertrauen ohne ein Selbstbewusstsein entwickeln können, weil die Medien sich genau solche Menschen züchten, um die Masse bei Laune zu halten, aber der erste Schritt sollte doch eigentlich sein, den harten und steinigen Weg des Selbstbewusstseins zu gehen. Selbstbewusstsein bedeutet, sich einmal ohne Vorurteile, ohne Schablonen und ohne Skrupel mit sich selbst zu beschäftigen. Herauszufinden, wie man selbst wirklich ist, das ist der spannendste Weg, den ein Mensch gehen kann. Sich selbst auszutesten, seine eigenen Grenzen zu hinterfragen und sie vielleicht sogar durchbrechen, genau das sind Schritte in Richtung Selbstbewusstsein.

Was wollte ich als Kind werden? Für mich persönlich ist es so, dass ich gern Schriftsteller geworden wäre. Dann kam die Gesellschaft, meine Eltern, die Lehrer, und alle sagten, es wäre besser, etwas “Vernünftiges” zu tun. Als Schriftsteller wirst Du nichts in Deutschland. Das schaffen nur ganz wenige. Da ist es dann viel sinnvoller, Junge, wenn Du Dein Abitur machst, wenn Du studierst, und dann suchst Du Dir ein “sicheres Pöstchen” in einer Bank, bei der Bahn oder bei der Post. Schade, genau diese sicheren Pöstchen gibt es heute nicht mehr, auch die Deutsche Bank, Siemens und die Telekom setzen heute auf Leiharbeiter und Computer und schmeißen Tausende von Mitarbeitern raus, aber unsere Schulen unterrichten heute immer noch genau so, als gäbe es sie weiterhin.

Individualismus, wie wir ihn teilweise mit Punks, Rockern und Poppern in den 80er Jahren noch kannten, gibt es heute in diesem Maße nicht mehr. Da laufen Herden von Teenagern mit dem gleichen Haarschnitt und dem starren Blick auf die Smartphones durch die Gegend und hören sich Parolen von Leuten an, die es selbst in ihrem Leben zu nichts gebracht haben, weil sie selbst nur ein kleines Rädchen in dieser Konsum- und Verarschungs-Maschinerie sind. Können ein Bohlen, ein Gronkh, ein Lagerfeld, ein Geissen oder eine Wollny tun, was sie wollen? Nein, die können nicht einmal in Ruhe im nächsten Supermarkt einen Joghurt kaufen, ohne dumm von der Seite angequatscht und ständig beobachtet zu werden. Das ist das Leben, das wir uns wünschen? Wenn Geld glücklich macht, warum leben ein Robin Williams, ein Michael Jackson, ein Andreas Biermann oder ein Robert Enke dann heute nicht mehr?

Warum achten wir überhaupt auf Menschen, die ihre Visage in jede sich bietende Kamera halten und der Welt unbedingt mitteilen möchten: “Schau mal, so lebe ich.” Warum bewerben sich Zigtausende darum, von einem Bohlen niedergemacht und zerbrochen zu werden, um mit einer minimalen Wahrscheinlichkeit zum einem “Superstar” zu werden, an den sich nur drei Monate später niemand mehr erinnert? Was diesen Menschen fehlt, das ist die Begeisterung, die nötig ist, um an einem Ziel festzuhalten, und das ist das Selbstbewusstsein, das man braucht, um für sich selbst und seine Ziele genau diese Begeisterung aufzubringen.

Es nutzt nichts, sich Ziele zu setzen, wenn man sich selbst nicht kennt. Es nutzt auch nichts, Ziele zu verfolgen, wenn man sich selbst nicht mag. Vergiss einmal alles, was Dir Deine Eltern, Deine Lehrer, Deine Freunde, die Medien und Dein Umfeld über das bessere Leben erzählt haben, und dann setz Dich in Ruhe hin und finde heraus, wer Du bist und was Du willst. Dann finde heraus, was Du kannst. Versuche, jeden Tag etwas Neues zu tun, einfach um zu sehen, ob Du es kannst. Entmiste einmal alle Schubladen in Deinem Kopf, in denen Du die Dinge aufbewahrst, von denen Du immer glaubtest, sie wären richtig. Vergleiche Dich nicht, sei einzigartig, denn genau das bist Du. Versuche jeden Tag, so glücklich zu werden, wie Du es für Dich und mit Dir kannst.

Was mich selbst angeht, ich werde ein Buch schreiben. Nicht, um damit berühmt zu werden, und nicht, um damit Anerkennung zu bekommen, sondern einfach deshalb, weil ich daran Spaß habe. Einen besseren Grund gibt es nicht. Ich mache auch den Ruinengarten, die Blogs, den Podcast, die Lesezeit und bald auch ein Let’s Play nicht, um damit Aufmerksamkeit zu erregen. Dann würde ich genau das auch viel regelmäßiger tun. Ich mache es für mich, und ich mache es dann, wenn ich in mir die Freude und den Drang spüre, es zu machen. Dass ich damit Erfolg habe oder vielleicht mit dem einen oder anderen Teil davon vielleicht einmal Erfolg haben könnte, das freut mich, aber es ist keine Bedingung und kein Ansporn, es zu tun. Wenn ich ein Buch geschrieben habe, und niemand liest es, dann habe ich trotzdem ein Buch geschrieben, und ich weiß für mich selbst, dass ich es kann. Für mich. Das reicht. Wahrer Erfolg ist der, der aus der Freude heraus kommt, etwas zu tun, und das unterscheidet die, die lange Erfolg haben, von denen, die morgen niemand mehr kennt. Es geht darum, autentisch zu sein, und um wirklich autentisch zu sein, muss man sich selbst kennen.

Es ist nie zu spät, glücklich zu werden. Und wenn der erste Schritt dorthin von Deinem Umfeld als “Midlife-Crisis” belächelt wird, dann ist das okay. Die leben nicht Dein Leben, und Du lebst nicht ihres. Und wenn Du noch jung bist, dann hast Du die fantastische Möglichkeit, noch mehr Leben in Deinem Sinne zu leben. In DEINEM.