Der Ruinengarten

Der Ruinengarten ist entstanden, weil Menschen Menschen brauchen. Dieses Projekt ist in erster Linie eine Basis und ein Begegnungsort für Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen einen Ansprechpartner suchen, aber in ihrer direkten Umgebung niemanden finden, der ihnen zuhört und sie versteht. Dazu ist es ein Projekt für alle, die reden und zuhören können.

Es gibt leider im Leben immer wieder Situationen, in denen sich Menschen allein gelassen fühlen und niemanden zum Austausch haben, weil Freunde, Bekannte und Nachbarn nicht wissen, wie sie mit jemandem umgehen sollen, der in einer schwierigen Lebensphase steckt. Sei es der Tod eines geliebten Angehörigen oder Freundes, die Trennung von einem Partner oder ein anderer Schicksalsschlag, plötzlich steht man allein da, weil sich das Umfeld nicht traut, jemanden direkt anzusprechen. Die Angst, etwas Falsches zu tun oder zu sagen führt oft zur Einsamkeit des Betroffenen.

Gerade die Einsamkeit eines der größten Leiden in unserer Gesellschaft. Einsamkeit ist das Gefühl, nicht verstanden und nicht respektiert zu werden. Es ist leichter, über jemanden zu reden als seinen Tellerrand zu erweitern und sich im direkten Gespräch für andere Menschen zu interessieren.

Der Ruinengarten ist ein Ort, an dem mit Ihnen geredet wird und an dem Ihnen zugehört wird.

Manchmal ist es einfach wichtig, dass jemand da ist, der zuhört. Gespräche sind der erste Schritt, um Erlebtes zu verarbeiten, es zu ordnen und Gefühle wie Trauer, Schmerz, Einsamkeit und Ängste bewältigen zu können. Das ist es, was der Ruinengarten zu leisten versucht. Schon das Gefühl, nicht allein zu sein, Ansprechpartner und einen Zufluchtsort zu haben hilft oft, schwierige Situationen im Leben zu überstehen.

Aber können ein einzelner Mensch, eine einzelne Seite, ein einzelner Garten oder ein einzelnes Projekt überhaupt etwas ändern oder etwas erreichen? Wir sind der Meinung: Ja. Wir werden vielleicht mit dem Ruinengarten die Welt nicht aus den Angeln heben, aber inzwischen schaffen wir es täglich, Menschen zu helfen, durch schwierige Zeiten zu kommen. Damit ist schon etwas erreicht. Schon vor der Öffnung der Seite bekamen wir viele Anrufe und Besuche von Betroffenen, mit denen wir wundervolle und befreiende Gespräche führen konnten. Viele Menschen stimmen uns zu, dass etwas geändert werden muss in der Art, wie teilweise in unserer Gesellschaft miteinander umgegangen wird, aber nur wenige tun etwas. Etwas zu tun, das wird oft und gern von anderen erwartet: Von der Regierung, von der Stadt oder von den Wohlhabenden. Dabei sind in Wirklichkeit nicht diese “Eliten” gefragt, etwas zu ändern, sondern jeder Einzelne von uns. Wir tun es einfach.

Mein einziger Sohn Lucas starb im März 2017 an einem Hirntumor. Dieser Tumor war am Anfang nur eine Zelle in seinem Kopf, die dafür verantwortlich ist, dass er heute nicht mehr lebt. Es hätte auch am Anfang nur eine Zelle gebraucht, um diesen Tumor zu bekämpfen und zu stoppen. Eine solche Zelle möchte ich sein. Eine Zelle, die dafür sorgt, dass es einigen Menschen besser geht, die dann dafür sorgen, dass auch andere sich besser fühlen. Und ich bin nicht mehr allein, denn ich habe in den vergangenen Monaten, auch durch meine Freundin Roswitha, so viel Unterstützung erfahren, dass ich merke, dass es sich lohnt. Ich habe mit vielen Menschen geredet, die in einer ähnlichen Situation steckten oder stecken wie ich. Gemeinsam können wir etwas erreichen.

Der Ruinengarten ist mehr als nur eine Internetseite oder ein Forum. Der Ruinengarten ist ein realer Ort, den Sie besuchen können. Er ist Farbe, Licht, Wärme und echtes Leben. Er ist eine innere Einstellung. Er ist eine ruhige Bucht in einem aufgewühlten Meer voller Hektik, Machtkampf, Neid, Ignoranz, Angst, Verzweiflung und Sprachlosigkeit. Dafür kämpfe ich, und ich bin nicht mehr allein.

Zum Namen "Ruinengarten"

Als meine Mutter 2013 starb, hinterließ sie uns ein Haus und einen für diese Gegend typischen Nutzgarten. Es gab ein Kartoffelfeld, ein Feld für Grünkohl und anderes Gemüse, ein kleines Gewächshaus und einen leeren Hühnerstall im hinteren Teil des Gartens. Da uns der Garten in dieser Form nicht gefiel überlegten wir 2014, was wir ändern konnten, besonders weil wir zwei große Hunde besitzen, die gern graben.

Im Herbst 2014 lernten wir auf einer kleinen Gartenmesse Ruinengärten kennen und verliebten uns sofort in diese Art der Gartengestaltung. Im Spätsommer 2015 legten wir dann los. Bei Ruinengärten werden bestehende Strukturen, Mauern und Gebäude nicht entfernt, sondern so in Ziegeln und Backsteinen verkleidet, dass es wieder schön wird. Den alten Hühnerstall zum Beispiel bauten wir in eine Chill-Ecke für Lucas um, so dass er hier Stunden mit seinen Freunden, seiner Freundin oder auch allein in der Hängematte liegen, Musik hören oder am Feuer Marshmallows “braten” konnte. Den Blick auf den unschönen Sichtschutz des Nachbarn verdeckten wir mit einer verfallen aussehenden Mauer aus Backsteinen und das Gewächshaus verkleideten wir an der Schattenseite mit einer Hecke aus Glanzmispeln. Hier ein paar Drachenfiguren, dort ein wenig Farbe, so machten wir diesen Garten zu unserem Märchenpark und zu unserer Wohlfühl-Oase. Als dann alles fertig war, wurde Lucas krank.

In seinen letzten Wochen sprachen Lucas und ich immer wieder über das Thema Ruinengarten. Etwas Altes nicht einzureißen, sondern es so zu verändern und zu verkleiden, dass etwas Neues daraus entsteht, genau das war es, was auch dieses Projekt ausmachen sollte. Die Krankheit und den Tod meines Sohnes kann und werde ich immer in mir tragen, wie auch die schönen Momente, Tage und Jahre, die wir gemeinsam hatten. Es wäre auch vermessen, dem Tod von Lucas einen “Sinn” geben zu wollen. Das Loch, das sein Tod in mein Leben gerissen hat, wird immer da sein. Die Frage ist nur, ob ich mit oder in diesem Loch leben möchte. Der Ruinengarten ist ein Sinnbild dafür, auch aus schrecklichen Dingen und Erlebnissen etwas machen zu können, mit dem man weiterleben kann.

Wir haben den Ruinengarten gemeinsam mit Lucas gebaut, und er hat sich darin wohlgefühlt. Jetzt bauen wir ihn weiter auf. Deshalb heißt die Seite und dieses Projekt Ruinengarten.

Das Logo des Ruinengarten

Schon seit Jahren lag mir Lucas mit einem bestimmten Thema in den Ohren: Er wollte ein Tattoo. Noch jetzt stapeln sich auf unserem Speicher seine Tattoo-Zeitschriften, und immer wieder kam mein Junge mit neuen Motiven, die er toll fand.

Dazu kam, dass seine Freundin mit ihrer Mutter auch noch direkt über einem Tattoo-Laden wohnte. So hatte er regelmäßig seinen Wunsch direkt vor Augen und schwärmte dadurch natürlich umso mehr.

Immer, wenn er mit dem Thema und der Frage nach meiner Unterschrift zu mir kam, habe ich ihm geantwortet, er könne sich gern ein Bild stechen lassen, wenn er 18 wäre. Vorher würde ich meine Unterschrift dafür nicht geben. Das klingt vielleicht spießig, aber ich hatte einen Grund. Ich wollte nicht, dass er sich etwas stechen lässt, was ihm vielleicht nach einiger Zeit nicht mehr gefallen würde. Ich hatte nichts dagegen, wenn er sich tätowieren ließ, aber es sollte etwas Einzigartiges sein, was genau zu ihm passte und was er auch mit 70 Jahren noch mit Stolz zeigen konnte.

Als er dann im Krankenhaus lag, machte ich ihm den Vorschlag, mir gemeinsam mit ihm ein Motiv stechen zu lassen. Er war begeistert. Jetzt war natürlich die Frage, was für ein Bild es sein sollte. Zuerst gefielen ihm Motive wie ein Kompass, aber das verwarf er dann wieder.

Wir haben im Hof der Palliativstation und hier zu Hause teilweise stundenlang diskutiert, bis er endlich zu einer Entscheidung kam: Es sollte ein Glückssymbol werden. Dann schaute er mir in die Augen und sagte: “So viel Glück habe ich ja im Moment nicht. Ein Kleeblatt, aber ein Blatt soll brennen. Das passt.”

Leider hatte Lucas nicht mehr die Möglichkeit, sich sein Bild stechen zu lassen. Antje, eine sehr liebe Schwester aus dem Palliativteam, wollte sich darum kümmern, dass ein Tätowierer zu uns nach Hause kam, aber auch auf Nachfrage bekam sie nicht einmal einen Motivvorschlag. Es zog sich hin, bis Lucas zu schwach war, um diese Prozedur noch über sich ergehen zu lassen.

Im Nachhinein bin ich froh darüber, denn ich habe festgestellt, dass Tätowieren wirklich ein ziemlich schmerzhafter Akt ist. Und dabei habe ich das Bild auf meinem Oberarm, also an einer relativ unempfindlichen Stelle. Zumindest hatte ich, als ich mir das Kleeblatt stechen ließ, in den ersten 15 Minuten das Gefühl, als würde jemand mit einer glühenden Rasierklinge meinen Arm aufschneiden. Der Gedanke an Lucas machte es erträglich, gelitten habe ich trotzdem.

Die Vorlage, die ich mir in einem Neusser Tattoo-Studio habe machen lassen, habe ich auch an den Steinmetz gegeben, der die Grabplatte von Lucas beschriftet hat. Er hat das Bild auf die Platte gemeißelt. Ich glaube, das wäre in seinem Sinne gewesen. Jetzt haben wir beide das gleiche Tattoo.

Lucas war auch damit einverstanden, dieses Motiv als Logo zu nutzen. Also ist dieses Kleeblatt nicht nur das Logo dieser Seite, sondern ist auch das Logo für das gesamte Ruinengarten Projekt. So ist er dabei, wo auch immer wir hingehen.

Ich werde das Tattoo auch mit 70 Jahren noch mit Stolz zeigen können, wenn ich dann noch lebe. Wenn nicht, dann bin ich bei ihm, und wir schauen mal, was uns beiden noch so an Motiven einfällt.

Das sind wir

Marcus Ertmer

Jahrgang 1966, ehemaliger Systemtechniker, Account Manager und Marketingfachmann. Ich bin im Ruinengarten für die praktische Arbeit und die Programmierung verantwortlich, also für alles, was hin und wieder nicht funktioniert. Das alles würde ich aber niemals schaffen ohne die Unterstützung von Rio und ohne die vielen Ideen, die mein Sohn Lucas mir mitgegeben hat.

Wenn Du Ideen, Kritik oder Anmerkungen zur Seite oder auch zum Ruinengarten selbst hast, bin ich also genau der richtige Ansprechpartner für Dich.

Der Ruinengarten ist mein Vermächtnis an meinen Sohn, oder sein Vermächtnis an mich. Heute noch schwingt in allem, was ich mache, mein Sohn mit. Das wird sich auch nie ändern. Der Ruinengarten ist mein Werk, aber die Idee ist von Lucas.

Roswitha “Rio” Heinen

Rio ist einerseits einer der wenigen Menschen, die es lange mit Marcus aushalten, die es aber andererseits auch immer wieder schaffen, ihn auf den Boden zu holen, wenn er gerade abhebt oder wenn er sich vergraben hat. Für den Ruinengarten ist sie eine Bereicherung, weil sie immer den Blick für Schönheit und Kreativität hat.

Vom Baujahr her ist sie massiv jünger als Marcus und beschwert sich auch gern, wenn er mal wieder mit seinem Alter “kokettiert”. Zudem war sie, gerade in der Zeit nach dem Tod von Lucas, auch seine Lebensretterin, indem sie wusste, wann sie zuhören, aber auch, wann sie ihm “in den Hintern treten” sollte.

Im Ruinengarten ist sie verantwortlich für Dekoration, Kreativität und auch mal für Rechtschreibung.

Lucas war die gute Seele dieses Hauses, die Inspiration und der Ideengeber für den Ruinengarten und der Sohn von Marcus. Er starb am 31. März 2017 an einem aggressiven Hirntumor.

Er war ein Mensch, der immer gern andere zuging und half, wo er konnte. Auch in seinen letzten Wochen und Monaten hat er weder seinen Humor, noch seine Freude am Leben verloren. Leider war es nur sehr kurz.

Dieses Projekt und auch das Logo der Seite waren seine Idee, um dem Sinnlosen und Unausweichlichen in gewisser Weise dennoch einen Sinn zu geben. Dass das nicht möglich ist, wussten wir alle. Aber zumindest ist der Ruinengarten eine Form, sein Andenken, wie wir hoffen, in Ehren zu halten.

Der Ruinengarten in der Presse

Bilder aus dem Ruinengarten

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