Trauer ist grundsätzlich nicht das Gleiche wie Verlust. Das Gefühl der Trauer bezieht sich darauf, dass jemand, den man geliebt oder an den man sich zumindest gewöhnt hat, sein Leben verloren hat.

Trauer bezieht sich auf den, den man verloren hat.

Als 2017 mein Sohn starb, habe ich um ihn getrauert. Das mache ich auch noch heute, und das wird sich nie ändern. Ich kann nur lernen, mit der Trauer zu leben.

Ich trauere darum, dass er nicht das Leben leben konnte, das er sich erträumt hat. Vielleicht wäre er auch gern irgendwann Vater geworden, vielleicht hätte auch er geheiratet, und es gibt eine Menge Dinge, die er nicht tun konnte, weil er so früh sterben musste.

Bei meiner Mutter, meiner Großmutter und auch bei Adi, dem Freund meiner Mutter, war das etwas anderes, weil sie alle ein relativ hohes Alter erreicht hatten. Sie alle hatten es selbst in der Hand, etwas aus ihrem Leben zu machen und selbst die Regie in ihrem Leben zu übernehmen.

Dennoch trauere ich um sie. Meine Mutter hätte ihr Leben selbstbestimmter leben können. Bei meiner Mutter weiß ich, dass sie es sich anders ausgesucht hätte, aber sie war in gewisser Weise das Opfer ihrer Umstände, das Opfer ihrer Erziehung und das Opfer der Zeit, in der sie aufwuchs und lebte. Das gilt auch für Adi, ihren Freund und Lebensgefährten für die letzten zwanzig Jahre.

Adi hätte es sich gewünscht, einmal das Miniatur Wunderland in Hamburg zu sehen, weil er auch ein großer Fan von Modelleisenbahnen war. Er hatte eine große Modelleisenbahn auf dem Speicher, die er zwar einige Jahre vor seinem Tod abbaute, aber nie ganz zur Seite legen konnte. Noch immer kaufte er neues Material, stellte Züge von analog auf digital um und machte Pläne. Dass er nie in der Hamburger Anlage war, lag an seinem Pflichtgefühl gegenüber meiner Mutter, die er nicht lange allein lassen wollte. Sie hingegen interessierte sich nicht für sein Hobby.

Heute tröste ich mich damit, dass er eigentlich das machen konnte, was ihr wichtig war. Scheinbar war seine Liebe zu meiner Mutter wichtiger für ihn, und auch das ist ein schöner Gedanke. Bei meiner Mutter tröstet mich, dass sie zumindest in ihren letzten zwanzig Jahren mit Adi glücklich war.

Wir alle suchen uns aus, wie wir leben wollen. Zwar schauen wir immer wieder über den Zaun zum Nachbarn, dem es scheinbar besser geht als uns, aber im Grunde wissen wir, dass wir es selbst in der Hand haben. Erfolg ist meist nicht eine Sache des Glücks sondern eine Sache der Arbeit, des Enthusiasmus und der Hartnäckigkeit. Viele von denen, die kurzfristig Glück haben, können es nicht lange halten, weil sie nicht begreifen, dass auch das Halten von Glück mit Standfestigkeit und Mühe verbunden ist.

Es geht hier um Trauer, das habe ich nicht vergessen. Aber Trauer, im Gegensatz zu Verlust, bezieht sich auf den, den man verloren hat. Trauer hat nichts mit dem Menschen zu tun, der jemanden verloren hat, denn Trauer ist in keiner Weise egoistisch. Trauer ist das Gefühl, dass ein anderer Mensch etwas verpasst hat und dies nun nicht mehr nachholen kann.

Wenn ich einen Film sehe, von dem ich ahne, dass er Lucas sehr gefallen hätte, dann trauere ich darum, dass er nicht lange genug lebte, um ihn zu sehen und zu genießen. Mir ist es auch in diesem Moment egal, ob er ihn gemeinsam mit mir oder mit seinen Freunden oder auch allein geschaut hätte, es tut mir nur einfach leid, dass er ihn nicht sehen wird.

Es sind diese Gefühle, das Lachen, das Weinen, die Angst, der Mut, das alles hätte ich ihm weiterhin gewünscht. Ich hätte ihm gewünscht, sein Leben weiter zu leben, mit allem, was dazu gehört. Auch das Fallen und Aufstehen gehört zum Leben, und auch das kann er heute nicht mehr. Das macht mich traurig.

Wenn ich heute an sein Leben denke, dann macht mich das wieder froh. Lucas hatte ein schönes Leben, zumindest für die kurze Zeit, die er auf der Erde war. Ich weiß nicht, was nach diesem Leben kommt, wenn danach etwas kommt, aber da das nicht in meiner Hand liegt, ist das auch nichts, mit dem ich mich bewusst beschäftige.

Viele Menschen finden Trost in ihrem Glauben, und das ist gut so. Der feste Glaube, dass Menschen, die man geliebt hat und die gestorben sind, jetzt in einer “besseren” Welt sind, kann Hoffnung geben, und dagegen ist nichts einzuwenden. Jeder Gläubige macht sich sein eigenes Bild von “seinem” Gott und “seinem” Himmel, und auch das ist gut so. Religionen können hier einen Rahmen geben, sollten aber ihre Anhänger in ihrem individuellen Glauben nicht so einschränken, dass sie keine Luft für eigene Inspirationen mehr bekommen. Ob Gott nun ein helles Licht oder ein alter Mann mit Bart ist, darüber sind sich weder die christlichen Kirchen noch der Islam einig. Wenn Du ein gläubiger Mensch bist, und wenn es tief in Dir ein Bild gibt, dass Dir Hoffnung und Zuversicht gibt, dann ist das fantastisch.

Es gibt keinen Weg aus der Trauer, und das ist es, was ich in den vergangenen Jahren gelernt habe. Es gibt allein Wege, mit der Trauer zu leben. Wenn ich etwas sehe, das Lucas, meiner Mutter, meiner Großmutter, Adi oder jemand anderem, den ich kannte, mochte und der gestorben ist gefallen hätte, dann genieße ich es für sie mit. Ich weiß, sie alle liebten das Leben, und der einzige Grund, um sie zu trauern, ist das Wissen, dass das Leben schön ist. Ja, es hat Ecken und Kanten, es ist manchmal traurig und gefährlich, aber gerade das macht es schön und aufregend.

Wir alle können morgen sterben, und jeder um uns herum kann das auch. Ich bedauere nichts von dem, was ich getan habe, aber ich bedauere vieles, was ich nicht getan habe. Und am meisten bedauere ich es, wenn ich anderen Menschen durch meine eigene Engstirnigkeit nicht die Chance gegeben habe, sie gut zu fühlen. Das mag ein Streit gewesen sein, ein böses Wort oder nur ein böser Blick. Heute weiß ich, dass es genau das ist, was die Trauer auslöst. Wenn wir alle dafür sorgen, dass jeder um uns herum ein schönes Leben hat, dann gibt es auch nicht viel berechtigten Grund zur Trauer. Egal, ob dieses Leben dann lang oder kurz ist.

Der Grund für Trauer ist niemals der Tod. Der Grund für Trauer ist immer das ungelebte Leben.

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